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Hier können Sie Predigten nachlesen, die in unserer Pfarreiengemeinschaft gehalten wurden.

Predigt 10. So im Jahreskreis B (Vorabendmesse)

Evangelium: Mk, 3, 20+21,31-35

Liebe Schwestern und Brüder,

vom heiligen Martin, dem Namenspatron unserer Pfarreiengemeinschaft, wird erzählt, er habe in der Nacht vor der Begegnung mit dem Bettler eine Erscheinung gehabt. Ihm sei ein majestätischer König erschienen. Martin fragt ihn: „Wer bist du?“ Darauf die Gestalt: „Ich bin dein Heiland Jesus Christus.“ Martin erwidert: „Wo hast du denn deine Wunden?“ Er bekommt zur Antwort: „Ich komme jetzt nicht vom Kreuz, sondern vom Himmel her in meiner Herrlichkeit.“ Darauf Martin: „Du magst mir der Rechte sein, geh mir aus den Augen! Du bist der Teufel! Den Heiland, der ohne Wunden ist, den mag ich nicht sehen. Den erkenne ich nicht, der das Zeichen seines Leidens nicht hat!“

Gestern sprach Kardinal Reinhard Marx davon, dass die Kirche an einem toten Punkt angekommen sei. Damit ist auch die Frage verbunden, ob wir es uns eingestehen können, dass es in der Kirche finster aussieht und wir im Dunkeln tappen und nicht recht weiter wissen. Ich will über unsere Situation kein frommes Mäntelchen legen. Dahinter verbirgt sich meiner Meinung nach eine ganz große Glaubensfrage.

In unseren gottesdienstlichen Texten reden wir von Gott oft als dem Starken, dem Allmächtigen, dem Einflussreichen. So ist auch oft unsere Gottesvorstellung geprägt. Und damit verbunden, so dachten viele im Lauf der Geschichte, muss auch die Kirche gewissermaßen als Gottes Platzhalter in dieser Gesellschaft mächtig und einflussreich sein. Doch plötzlich spüren wir: Das funktioniert alles nicht mehr! Die fürchterliche Tatsache des Missbrauchs, die Schwierigkeit, sich daran zu gewöhnen, dass Macht kontrolliert werden muss, die Bedeutung der Frau in der Kirche bis hinein in die Ämter, der Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten, die Segnungen für homosexuelle Paare, diese Themen, an denen schon so lange diskutiert wird, fliegen uns momentan um die Ohren.

Dazu kommt noch eine weitere Situation, die ich für genauso problematisch halte: Zwischen geweihten Christen und Christinnen und Christen, die ihre Berufung aus Taufe und Firmung leben, also Sie, und das ist der größte Teil des Gottesvolkes wie es Papst Franziskus deutlich ausspricht, scheint immer noch ein Graben zu sein, der das Volk Gottes untereinander trennt. Die da oben und die da unten.

Wir leben hier mit dem Blick auf den Kreuzberg. Das Kloster gibt es nicht wegen der Brauerei, sondern wegen das Kreuzes. Wir wissen, dass das Wort vom Kreuz Gottes Kraft offenbart. Aber wenn wir dann auf einmal erfahren, dass es ernst damit wird, dass unser System nicht mehr funktioniert, dass es Schuld gibt, dass in der Kirche gewohntes Leben zu Ende geht und die Gemeinden kleiner werden, das Geld knapper wird und Tagungshäuser geschlossen werden müssen, dann verstehen wir die Welt nicht mehr geschweige denn Gott. Da gibt es das große Hadern und Jesus wird mit seiner Botschaft von den Kleinen und Geringen zum Ärgernis.

Kardinal Reinhard Marx hat es gestern nicht beim toten Punkt belassen. In seinem Brief an den Papst hat er geschrieben, dass nach dem toten Punkt die Auferstehung kommt.

Das heutige Evangelium zeigt uns, dass wir als Christinnen und Christen -als Kirche insgesamt- die Erneuerung im Glauben brauchen! Jesus sagt: “ Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Mutter, Schwester und Bruder.“ Gott ist aus Liebe zu uns schwach geworden. Das muss auch Folgen für uns haben. Gott offenbart sich - nicht durch ständige Machterweiterung, sondern durch Machtverzicht. Welche Folgen hat das für uns als Kirche?

Gibt es in unserer gegenwärtigen Form von Kirche-sein schon die Möglichkeiten zu einer evangeliumsgemäßen Machtteilung und zu einem entsprechenden Autoritäts- und Leitungsstil? Es braucht die Macht, um etwas zu bewegen – wer Machtund Verantwortung hat, braucht sich dafür nicht zu entschuldigen - aber es braucht auch die Transparenz, die die Macht beim Namen nennt und nicht fromm als „Vollmacht“ kaschiert.

Papst Franziskus hat von der Kirche als einem Feldlazarett gesprochen, in dem die Menschen Heilung finden sollen. Das ist ja das Schreckliche am Missbrauch in der Kirche: Menschen haben an einem Ort, wo sie Heilung erfahren sollen, Unheil erfahren, das oft ihr Leben zerstört hat. Es muss nun alles zur Seite geräumt werden, das dieses Bild weiterhin verdunkelt. Das geht bis in den Umgang miteinander in unseren Gemeinden. Wie reden wir miteinander und übereinander?

Morgen empfängt in Brendlorenzen ein Kind die Taufe und seine Schwester geht das erste Mal zur Heiligen Kommunion. Beide werden in diesen Sakramenten in die Gemeinschaft mit Jesus und die Gemeinschaft der Kirche hineingenommen. Diese Gemeinschaft ist momentan zutiefst erschüttert und verunsichert. Trotzdem gratuliere ich diesen beiden Kindern und ihren Eltern, Paten und den Angehörigen von ganzem Herzen zu diesem Schritt. Denn bei allem, was momentan in der Diskussion steht, bei allem, was momentan an Unbeweglichkeit und menschlicher Begrenztheit, die wir alle haben, nervt, ist die Kirche nicht nur ein Krisen- und Skandalverein. Wir sind miteinander vor allem eine Hoffnungsgemeinschaft, weil wir vor allem eine Weggemeinschaft mit Christus sind. Wir sind für Christus Mutter, Schwestern und Brüder, wie es im Evangelium heißt, wenn wir seine Frohe Botschaft für unser Leben entdecken und unser Leben mit unseren Möglichkeiten, auch mit unseren Grenzen, danach ausrichten.

Ein Wort des Dichters Eugen Roth gibt zu denken: „Ein Mensch nimmt guten Glaubens an, er hab´ das Äußerste getan. Doch leider Gott´s vergisst er nun, auch noch das Innerste zu tun.“ Im Innersten dem Evangelium Platz zu geben gibt uns Tiefgang und Hoffnung. Das wünsche ich auch unserem Täufling und unserem Kommunionkind für ihr weiteres Leben und uns allen auch. Amen.

Pfarrer Thomas Keßler

 

 

Fronleichnam 2021, Lesejahr B Predigt Ev.: Mk 14,12-16,22-26

Liebe Schwestern und Brüder!

Bei den Göttern im religiösen Umfeld zur Zeit Jesu gehörte es gewissermaßen zum guten Ton Theater zu spielen. Sie machten sich und auch den Menschen etwas vor. Corona bedingt haben wir die olympischen Spiele in Japan gar nicht so richtig auf dem Schirm. Oft genug sind diese Spiele mit gewaltigem Theaterdonner verbunden-auch politisch. Ihren Ursprung haben sie in Griechenland. Der Berg Olymp war gewissermaßen die Götterzentrale. In der ersten Götterriege spielte der Göttervater Zeus. Er war so etwas wie eine männliche Sexbombe im Götterhimmel und in dieser Richtung äußerst aktiv. Wenn er seiner eifersüchtigen Göttergattin Hera entgehen wollte, schlüpfte er schnell mal in Menschengestalt. Aber nach dem irdischen Liebesabenteuer hörte das Schauspiel schnell wieder auf. Das für ihn billige Kostüm Mensch gibt Zeus sozusagen an der Garderobe des Olymp wieder ab.

Mit dem Gott Israels ist es anders. Er macht uns nichts vor. Er schickt keinen als Menschen verkleideten Gott oder Halbgott in die Welt, aus der sich nach seiner Laune wieder zurückziehen kann. Unser Gott spielt kein Theater. Er sendet seinen Sohn. Ganz Gott und ganz Mensch.

 Es gibt eine Übersetzung des Namens Betlehem, die sicher nicht die einzig mögliche ist, die uns aber helfen kann, zu verstehen, was Gott uns schenken will: Bet-Lächäm- Haus des Brotes. Zum Kommen Jesu in diese Welt gehört es, dass er sich verzehren lässt von seinem Auftrag und von den Menschen, für die er selbst Mensch geworden ist.

Bei den Römern gab es panem et circenses – Brot und Spiele. Wer das Brot hat, hat die Macht. Er konnte das Volk, besonders die Bevölkerung der Riesenstadt Rom versorgen und damit für sich gewinnen. Und wenn er noch die grausame Belustigung von blutigen Gladiatorenkämpfen dazugab, konnte er das Volk bei Laune halten.

Jesus handelt anders. Er serviert kein Spektakel. Er gibt sich selbst. Er tut es im Stillen. Im Kreis der Freunde. Mit den Zeichen, die seinem Volk heilig sind, weil sie das Leben und die Freude ausdrücken: Brot und Wein.

In diesen Gaben wird am Abend vor seinem Tod sein ganzes Leben gebündelt. Sein Leben, seine Worte und Taten, sein Kreuz und seine Auferstehung. Das ist die Revolution der Liebe auf dem schlichten Abendmahlstisch. Das ist kein schönes Theater, nicht Brot und Spiele. Es ist die einfache Geste der Hingabe, die er wenige Stunden später am Kreuz einlösen wird.

Gott selbst bietet sich uns an, denn Christus legt sich im Brot in die Hände von uns Menschen: „Nehmt und esst und tut es zu meinem Gedächtnis“. Es geht darum, selbst zum Bet-Lächäm zu werden, zum Haus des Brotes. Es geht um uns.

Fronleichnam ist keine folkloristisch verbrämte Demonstration unseres Katholischseins. In diesem Jahr sowieso nicht. Wir bleiben in der Kirche und feiern es ganz schlicht. Trotzdem ist Fronleichnam unser Bekenntnis zu dem Christus, dem Sohn Gottes, der es ernst meint mit dieser Welt. So ernst, dass er sich selbst in sie hinein begibt. So ernst, dass er sich nicht einfach zurückzieht, sondern in dem Brot, das in unserer Gesellschaft auch belächelt und immer weniger als Brot des Lebens wahrgenommen wird – viele interessieren sich nicht mehr dafür - jeder Zeit verfügbar macht, verletzlich macht, sich ausliefert.

Gott spielt kein Theater. Gott zieht sich nicht aus dieser Welt zurück, sondern bleibt bei uns. Er tut es im Zeichen des Brotes, das das bescheidenste Zeichen der Hingabe ist, das es gibt. Wenn wir am Ende des Gottesdienstes Christus in der Monstranz im Brot des Lebens verehren, bekennen wir uns dazu, dass die Welt nicht durch Macht und Gewalt gerettet wird, sondern durch die Liebe. Dieses Zeigegefäß, die Monstranz erinnert uns daran, dass wir selbst letztlich Monstranz sein sollen, auf Gott hin durchsichtig sein sollen. Wir dürfen nämlich Menschen sein, an denen ablesbar ist, dass alles von Gott kommt und nur in Christus wirklich unsere Hoffnung ist. Wir dürfen Christus auch mit unseren Fehlern und Schwächen durch unser Leben erfahrbar machen , weil er sich selbst in unsere Hände gegeben hat. Amen

Pfarrer Thomas Keßler

 

Liebe Schwestern und Brüder!

So war es also, damals in Jerusalem: „Ein Brausen kam vom Himmel und erfüllte das Haus, in dem die Jünger saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und der Heilige Geist kam zu einem jeden von ihnen und sie wurden alle von ihm erfüllt und fingen an in anderen Sprachen zu predigen wie der Geist es ihnen eingab.“

 Das also ist Pfingsten: das Fest gelingender Kommunikation. Vorher war Verständnislosigkeit, die fremde Sprache, die fremde Kultur, eine unüberwindliche Mauer, die alles Verstehen abblockt. Kein Dolmetscher, kein Wörterbuch, keine Übersetzungs-App – keine Möglichkeit, sich verständlich zu machen. Pfingsten dagegen zeigt: es kann gelingen.

Und wie? Weil Gottes Geist sich nicht lange bitten lässt, sondern auch zu uns kommt: im Mut, auf einen Menschen zuzugehen, der so fremd und anders zu sein scheint. In der SMS, in der ich den anderen bitte, doch noch einmal mit mir zu reden.

Wir feiern Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, der Begeisterung, der Freude und ein Fest des Sich-Verstehens. Neben Weihnachten und Ostern ist es das dritte Hochfest im Jahr. Wir merken es daran, dass auch Pfingsten einen zweiten Feiertag hat. Und zwei Wochen Ferien gibt es auch noch dazu.

Trotzdem kommt Pfingsten nicht Weihnachten und Ostern hinterher. Bei diesen beiden Festen gibt es Geschenke zum Auspacken und schöne Dinge zum Anfassen und Ansehen: Zweige, Sterne, Kerzen und Osterglocken, Osterlämmer und farbige Ostereier. Irgendwie sind die biblischen Geschichten an Weihnachten und Ostern auch anschaulicher. Die Geburt eines kleinen Kindes, noch dazu in ganz ärmlichen Verhältnissen, berührt unser Herz. Der Sieg des Lebens über den Tod spricht unsere Sehnsucht an. Aber das mit dem Heiligen Geist? Was soll man sich unter dem Heiligen Geist vorstellen? Eigentlich schade, denn Pfingsten ist ein Fest der Begeisterung, der Freude und des Sich-Verstehens.

Wir lesen in der Apostelgeschichte: Noch sitzen die Jünger und Jüngerinnen niedergeschlagen beieinander im Haus. Wie soll es weitergehen? Irgendwie hat sich alles geändert. Jesus ist nun nach der Himmelfahrt endgültig nicht mehr da. Und dann geschieht es: Ein großer Wind und Feuerflammen erfüllen das ganze Haus.  Alles kommt in Bewegung. Die Wände scheinen wie weggeblasen. Es gibt keine Abgrenzung mehr von den andern. Plötzlich sind die Jünger und Jüngerinnen mittendrin in der Menge. Erfüllt vom Heiligen Geist predigen sie – im wahrsten Sinn be-geistert – in vielen verschiedenen Sprachen. Eine wunderbare Geschichte der Entgrenzung und des Sich-Verstehens ist das.

In der Bibel gibt es dazu auch eine Gegengeschichte. Es ist der uralte Mythos vom Turmbau zu Babel. Immer höher und höher wollte die Menschheit hinaus. Ein großes, globalisiertes Projekt sollte dieser Turmbau werden. Sie  wollten sein wie Gott. Aber sie bekamen einen Denkzettel. Gott verwirrte ihre Sprachen. Sie konnten sich nicht mehr verstehen und so scheiterte ihr Ansinnen. Diese alte Geschichte ist keine Erzählung von früher, sondern die andauernde Geschichte der Menschen.

Haben wir es nicht übertrieben mit unserem immer höher, immer weiter, immer mehr? Wachstum um jeden Preis? Und dann kommt so ein kleiner Virus und zwingt zum Lockdown.

Der Größenwahn in Babylon führte dazu, dass Gott die Sprache verwirrte. Die Menschen konnten sich nicht mehr verstehen. Und heutzutage? Gelingt es uns auf der Welt und in unserem Land einander zu verstehen? Oder ist es nicht sogar so, dass der Wille und der Versuch, einander zu verstehen, zurückgegangen ist? Immer mehr Menschen basteln sich ihre Wahrheit so zusammen, wie es ihnen gefällt. Faktenchecks, nein, danke! Manche verfallen gar kruden Verschwörungsideen. Und diejenigen, die das Gespräch auch mit Gegnern und Andersdenkenden suchen, werden diffamiert.

Ein Merkmal des Heiligen Geistes ist das Sich-Verstehen. Das braucht es immer wieder aufs Neue, dass wir einander verstehen. Für mich heißt das, Freude am anderen haben, gerade am Fremden; neugierig sein, was den anderen bewegt und wie er oder sie denkt; Zuhören können, was andere einem sagen und erzählen; begeistert sein von den Begegnungen, die man hat – oder wie man heutzutage sagt: empathisch und mitfühlend und mitdenkend sein.

In dieser wunderbaren Pfingstgeschichte klingt das so einfach: Feuer, Sturm und dann begeistert raus in die Menge. Die Sprache des anderen zu sprechen, also „dem Volk aufs Maul schauen“, ist im Allgemeinen aber nicht so leicht. Den andern wirklich zu verstehen und sich verständlich zu machen, kann ganz schön Mühe kosten. Da braucht es einen Geist der Geduld und des langen Atems. Das geht nicht mit Twitterbotschaften und lauten Parolen.

Das wünsche ich uns zu Pfingsten, dass wir Christen den Geist des Sich-Verstehens in die Welt tragen. Wenn nicht wir, wer dann gibt sich die Mühe, immer wieder auf den anderen zuzugehen, Verständigung zu suchen und gerade auch dem Gegner die Hand zur Versöhnung zu reichen. Das heißt ja nicht, alles gut zu heißen. Oft muss man auch widersprechen, wo es nötig ist. Aber es heißt, im andern immer den zu sehen, dem die Liebe Gottes genauso gilt wie mir.

Das wünsche ich uns zu Pfingsten, dass Gott uns mit diesem Geist begeistert, der die Sprech- und Denkbarrieren überwindet.

Ihnen ein frohes und gesegnetes Pfingstfest! Amen.

Pfarrer Thomas Keßler zum Evangelium Joh 13,1-15

 Liebe Mitchristen!

In jedem Haus gibt es wohl eine Zeit, in der es zieht, weil die Fenster offen stehen, die Räume eine gewisse Ungemütlichkeit ausstrahlen, weil die Vorhänge fehlen, die Männer ständig ermahnt werden, weil sie entweder im Weg stehen oder zu wenig helfen. Ich meine die „gesegnete“ Zeit des Osterputzes. Vor Ostern soll noch einmal im Haus klar Schiff gemacht werden. Wie weit da Perfektion und das Arbeiten bis in den letzten Winkel hinein unbedingt notwendig sind, das ist wohl Anlass zu mancher Diskussion. Auch mir wurde in den letzten Tagen berichtet, welche Ecke der Wohnung geputzt wurde – ob ich es hören wollte oder nicht. Dabei  musste ich aufpassen, dass ich nicht auch noch über einen Putzeimer oder Staubsauger stolperte.

Wenn wir das heutige Evangelium hören, dann ist hier auch vom sauber machen die Rede. Jesus rückt eine Waschschüssel in die Mitte des Geschehens. Er wäscht den Jüngern die Füße. Schauen wir uns diese Szene einmal näher an.

„Darf ich Ihnen Wasser für die Füße anbieten?“  So oder ähnlich hat es wohl geklungen, wenn man im Orient zur Zeit Jesu ein Haus betrat. So wie es bei uns üblich ist, dem Gast ein Getränk anzubieten, war es damals Brauch, Wasser für die Füße bereitzustellen. Vom vielen Staub und den offenen oder fehlenden Sandalen wurden die Füße schnell schmutzig. Die Fußwaschung im Orient hat eine lange Tradition. Vor allem war sie ein Symbol der Gastfreundschaft. Dabei konnte man sich die Füße selbst waschen oder von einem Diener waschen lassen. Im familiären und sozialen Kontext war die Fußwaschung auch ein Zeichen der Ergebenheit. So wuschen Frauen ihren Männern, Kinder ihren Vätern und Schüler ihren Lehrern die Füße. Es wurden fleißig Füße gewaschen im Orient. Und nun: Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße! Was für eine Ehre! Und was für eine Verdrehung der Norm!  

In dieser Fußwaschung drückt Jesus die Gemeinschaft mit seinen Jüngern aus. Das bedeutet für die Jünger Jesu und für uns heute zu akzeptieren, dass Gott uns dient. Es ist letztlich Gottes Dienst an uns. Mit diesem  Dienst will Jesus das Leben der Jünger und damit auch unser Leben bereichern. Diese Waschaktion Jesu kennt keine Grenzen, selbst dem Judas werden die Füße gewaschen. Auch ihm bietet Jesus kurz vor dem Verrat seine Gemeinschaft an.

Jesus wäscht nicht irgendwo und irgendetwas, er wäscht den Jüngern die Füße. Wenn wir auf die Geschichte Jesu mit seinen Jüngern schauen, dann könnten wir eher sagen: „Eigentlich hätte er ihnen einmal den Kopf waschen müssen, weil sie oft so wenig von ihm verstanden haben.“ Doch Jesus hält ihnen keine Moralpredigt, er erweist ihnen vielmehr einen Sklavendienst. Er wäscht ihnen nicht den ganzen Körper, wie Petrus es sich wünschen würde, es genügen die Füße. Jesus nimmt keinen perfekten Osterputz an den Jüngern vor, es geht ihm vielmehr um ein Zeichen, wenn er sagt: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr handelt, wie ich an euch gehandelt habe!“ Doch welche Bedeutung hat dieses Beispiel für uns heute?

Dieses Handeln Jesu an seinen Jüngern will uns zeigen, wie dieser Gott an uns Menschen handelt. Er will jedem Einzelnen von uns dienen. Bei jedem Gottesdienst, den wir feiern, will er uns stärken und auch reinigen mit seiner Nähe und seinem Wort. Er will uns reinigen von unserer Schuld und unserer Selbstbezogenheit. Die Fußwaschung sagt uns, dass Gott uns immer wieder aufrichten will und uns nicht den Kopf wäscht, auch wenn manches in unserem Leben nicht in Ordnung ist. Die Fußwaschung wendet unseren Blick aber auch nach unten, dort wo die Wurzeln unseres Lebens sind, als wollte Jesus uns sagen: „Mach auch dort einen Osterputz, wo etwas in deinem Herzen nicht in Ordnung ist. Wisch den Staub des Verdrängens weg. Lass mich auch hier sauber machen!“ Und das ist vielleicht wichtiger als ein blitzblankes Wohnhaus.

Das Beispiel der Fußwaschung lädt uns selbst ein, in Gottes Fußstapfen zu treten, nämlich Gottesdienst zu feiern und den Gottesdienst auch selbst zu leben.  Die Fußwaschung kann für uns heute vieles sein: z.B. wenn ich mich um ein gutes Miteinander in der Familie, im Verein, in der Pfarrgemeinde bemühe, wenn sich ein Vorgesetzter um seine Mitarbeiter wirklich als Mitmensch annimmt, wenn ich zumindest versuche mit anderen gut auszukommen. Gerade in dieser Zeit der Coronapandemie kann die Umsicht und Rücksicht, das einander Beistehen Fußwaschung  heute bedeuten.

In diesem Jahr kann diese Fußwaschung hier in unserer Kirche nicht symbolisch in Szene gesetzt werden. Diese Lücke in unserer gottesdienstlichen Tradition ist auch Zeichen der Rücksichtnahme aufeinander in dieser Pandemie. Wir dürfen uns nicht gegenseitig der Gefahr der Ansteckung durch das Corona-Virus aussetzen. Wir dürfen uns aber anstecken lassen von der Liebe Gottes, die Jesus uns in der Fußwaschung seiner Jünger vor Augen führt. Gott dient uns Menschen, er will unser Leben erfrischen und zeigt uns damit, wie gern er uns hat. Er lädt uns ein zu einem innerlichen Osterputz. Das kann für uns als Christinnen und Christen bedeuten, dass wir uns in dieser schwierigen Zeit  nicht  der Resignation, der Wut und den Vorwürfen hingeben, sondern selbst Menschen mit Hoffnung sind. Wir feiern gerade deshalb so oft die Eucharistie, d.h. die Danksagung, damit wir uns stärken lassen und wir damit in einer Gesellschaft, die oft von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit geprägt ist, bekennen: Gott ist da und er meint es gut mit uns. Amen.

Nach mehr als 6 Jahren in unserer Pfarreiengemeinschaft verlässt uns Pater Lawrence und kehrt in seine Heimat nach Indien zurück. Am 21.3. wurde er im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes in der Kirche Herschfeld verabschiedet. Wir danken ihm für all die herzlichen Begegnungen und bedauern seinen Weggang sehr. Hier die Predigt, die Pfarrer Thomas Keßler zu diesem Anlass gehalten hat:

5. Fastensonntag B / Abschiedsgottesdienst für P. Lawrence, Herschfeld, 21.3.2021

Lieber Lawrence, liebe Schwestern und Brüder!

Die Entscheidung Deiner Ordensprovinz der Karmeliten in Indien, Dich in Dein Heimatkloster zurück zu berufen hat uns hier in der Pfarreiengemeinschaft, aber auch im Ordinariat, heftig die Stirne runzeln lassen. Wir hätten Dich gerne noch eine Zeit lang bei uns behalten. Die Abschiedsgottesdienste in den einzelnen Gemeinden unserer Pfarreiengemeinschaft und dieser gemeinsame Gottesdienst zeigen Dir, dass wir Dich gerne bei uns gehabt haben und Dir dankbar für Dein Wirken in der Seelsorge sind. Dein Heimgehen nach Indien in Deine Ordensgemeinschaft hat auch Fragen bei uns aufgeworfen. Zunächst kam der Gedanke bei vielen: Wie wird das mit den Gottesdiensten? Gibt es viele Kürzungen? Rückt die amtliche Seelsorge weiter weg, wenn nur ein Priester und ein Diakon verbleiben? Du wirst vielen Gemeindemitgliedern durch Deine freundliche, zugewandte Art fehlen.

Was Du, und was wir alle erleben, hat aber zutiefst mit unserem Glauben zu tun. Wir nennen Abraham den Urvater des Glaubens. Am Anfang traf ihn der Ruf Gottes: „Brich auf“- und durch seine Lebensgeschichte und die ganze heilige Schrift zieht sich wie ein roter Faden die Herausforderung Gottes an Abraham: „Brich auf, vertrau mir, Du sollst ein Segen sein!“ Selbst im so klassischen Begriff der Pfarrei steckt der Ruf zum Aufbruch drin. Wenn wir diesen Begriff „Pfarrei“ sprachlich zurückverfolgen, heißt das: „die neben dem Haus wohnen“, die also bereit sind aufzubrechen und Neues zu wagen auf Gott hin. Heute jedoch verbindet sich oft mit Pfarrei ein Denken von Bewahren und Bestandsicherung des Gewohnten.

Die Frage, wie es nun weitergeht, wenn Du aufbrichst, darf uns aber den Blick nicht dafür verstellen, was Du bist: nämlich ein Ordensmann. Und Ordenschristen dürfen wir nicht in erster Linie als Lückenfüller für die personellen Löcher in unserem Bistum und in der ganzen deutschen Kirche verstehen. Wir dürfen dankbar sein für die Solidarität der katholischen Kirche in Indien und Afrika, die uns jetzt hilft. Sie zeigt uns damit, dass wir als katholische Christen miteinander weltweit verwoben sind und Mission schon längst keine Einbahnstraße mehr von uns in die übrige Welt ist. Im gesamten pastoralen Raum Bad Neustadt sind wir einschließlich des Klinikums nur noch vier Würzburger Diözesanpriester im aktiven Dienst von Wargolshausen bis Burglauer. Das verpflichtet uns aber auch, gegenüber der Weltkirche und ihrer Zentrale deutlich zu machen, dass mit dem Rückgang an Priestern bei uns auch die Sakramente als ein Wesensmerkmal der Kirche weniger gefeiert werden können und sich viele Priester ausgebrannt fühlen. Auf Dauer geht das an unsere katholische Substanz. Da gehören dann aber auch die Zulassungsbedingungen zum priesterlichen Dienst in die offene Diskussion - und das nicht nur in Leserbriefen, sondern auch in der Kirchenleitung.

Lieber Lawrence, Du gehörst zum Orden der Karmeliten, der die Nachfolge Jesu in Gemeinschaft leben will. Mit Eurer Spiritualität seid Ihr aber auch wichtig für uns in den Gemeinden. Durch Euer Dasein in den Klöstern von Rödelmaier und Himmelspforten oder im Kloster in der Würzburger Innenstadt gebt ihr ein stilles Zeugnis von Gott, der mitten unter uns ist.

 Eine der prägenden biblischen Gestalten für Euren Orden ist der Prophet Elija. Er musste lernen, dass Gott kein lärmender, kriegerischer Gott oder eine Naturgottheit ist, sondern in der Stille die Herzen der Menschen mit seiner Barmherzigkeit berührt. „Gott lebt, ich stehe vor seinem Angesicht“, heißt der Leitspruch des Karmelitenordens und greift damit ein Wort des biblischen Elija auf. Dieses Wort hat Aktualität über Deinen Orden hinaus. Bei allem Ringen in der Kirche über ihre zukünftige Gestalt, bei allen Überlegungen, wie christliches Leben heute gestaltet werden kann, dürfen wir das nicht vergessen: „Gott lebt, ich stehe vor seinem Angesicht“. Und dieser Gott schaut uns an in Jesus von Nazareth. Teresa von Avila, neben Johannes vom Kreuz Gründerin Deines Ordens, schreibt, dass ihr Beten davon getragen ist, „den anzuschauen, der mich anschaut“. Die Karmeliten fassen das prägnant in den Worten zusammen: „Schau, er schaut dich an!“.

Damit wird uns allen gesagt, was in unserem christlichen Sinn zu glauben bedeutet. Der Karmelitenpater Reinhard Körner drückt es so aus: „Glauben meint: mir innerlich bewusst machen, dass Gott da ist – verborgen natürlich – und ihn anschauen; nicht nur, um dann mit ihm zu reden, sondern zuallererst, um wahrzunehmen, dass er mich anschaut mit unsagbar liebevollem Blick“. Und Gott schaut auch jeden anderen Menschen an, auch den, der mir ganz und gar nicht sympathisch ist, ja selbst, mit Johannes vom Kreuz gesprochen, den größten Sünder der Welt. Wenn Gott uns alle in Liebe anschaut, dürfen wir dann den Menschen, die darum bitten, den Segen verweigern?

 Liebe Schwestern und Brüder, das macht letztlich unser christliches Verständnis zu glauben und unsere Art, Mensch zu sein, aus. Aber die heilige Teresa fragt auch uns an, wenn sie klagt: „Ach Herr, der ganze Schaden für uns kommt doch daher, dass wir unsere Augen nicht auf dich gerichtet halten“. Vielleicht ist das unser Problem, dass wir uns mehr innerkirchlich beschäftigen und dabei die Frage nach Gott und seine Anwesenheit vergessen.

 Lieber Lawrence, in Deinem seelsorglichen Wirken bei uns hast Du mitgeholfen, dass wir nicht vergessen, dass Gott uns anschaut und wir ihn anschauen dürfen im Leben seines Sohnes Jesus Christus. Der heutige Abschnitt aus dem Johannesevangelium gibt für Dich und für uns an den verschiedenen Orten, wo wir unser Christsein leben, Orientierung - ob Du bald wieder im Kloster oder wir als Christinnen und Christen in den Gemeinden: Unseren Weg mit Jesus zu gehen, sich dabei nicht selbst in den Mittelpunkt zu stellen, ja sogar seine eigenen Pläne hintan zu stellen und so Jesus nachzufolgen. Wir können es wagen, weil Gott uns voll Liebe anschaut.

Lieber Lawrence, in unser aller Namen wünsche ich Dir auf Deinem weiteren Weg mit Deiner Ordensgemeinschaft Gottes liebenden Blick und seinen Segen. Amen.

 Les: Apg 8,26-38 Ev: Mt 5,13-16

 

Liebe Mitchristen!

Vieles hat sich im vergangenen Jahr in unserem Land verändert. Vor einem Jahr hätten wir noch nicht daran gedacht, wie die Corona-Pandemie das wirtschaftliche, gesellschaftliche und unser kirchliches Leben beeinflusst.

Es gab viele Veränderungen, Vorschriften und Regelungen, mit denen wir zurechtkommen mussten und immer noch müssen.

Und in der Kirche? Viele sagen: da ändert sich nichts. Sie befürchten, dass der Synodale Weg der Kirche in Deutschland eine Aktion ist, die am Ende kein Ergebnis zeigt und nur Enttäuschung bleibt. Die heißen seelsorglichen Eisen wie der Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten, ökumenische Fragestellungen und die weniger werdende Zahl der Priester würden eh nicht angerührt, obwohl die Theologie Wege aufweist.

Aber stimmt das eigentlich, dass sich nichts ändert? Es ändert sich sogar viel. Nur wir ändern uns oft nicht im Sinn des Evangeliums, sondern wir werden geändert durch das, was um uns geschieht. Die ungewollten Veränderungen bekommen wir zu spüren, nur nehmen wir sie oft nicht zur Kenntnis, auch nicht in unseren Gemeinden, obwohl sie uns im Grunde ins Innerste treffen.

Nun ein kurzer Jahresrückblick auf unsere Pfarreiengemeinschaft:

Insgesamt hatten wir in allen Gemeinden im vergangenen Jahr 42 Beerdigungen und 14 Taufen. 23 Katholiken sind aus der Kirche ausgetreten, sei es aus finanziellen Gründen, weil für sie der Glaube nicht mehr wichtig ist oder aus Enttäuschung. Wiedereintritte in die Kirche gab es nicht. Dem stehen 14 Taufen gegenüber. Auf circa fünf Abgänge durch Tod oder Austritt kommt also ein Neuzugang durch die Taufe. Merken Sie, wie die Schere auseinander geht? Wir Christen werden weniger, unsere Gemeinden kleiner. Unser Bistum verliert - wenn es keine Trendwende gibt - pro Jahrzehnt ca. 100 000 Katholiken. Die Altersstruktur unserer Bevölkerung ist hierfür sicher ein Grund. Das ist wissenschaftlich erforscht. Daran wird sich nichts ändern lassen.

Es gibt aber auch andere Gründe: Immer mehr Jugendliche können den Glauben nicht verlieren. Er ist in ihnen überhaupt nicht gewachsen, weil ihr Umfeld, das Elternhaus, oft schon als Nährboden hierfür ausfällt.

Für viele Menschen ist Religion zur Privatsache geworden, manche basteln sich ihren Glauben selbst zurecht und in unserer Gesellschaft bekommt die Meinung eine immer breitere Basis, dass die Religion nicht in den öffentlichen Raum gehört. Wir sind ernsthaft in Gefahr, unser kostbarstes Erbe wie auf einem Trödelmarkt zu verschleudern: den Glauben an Gott, der Mensch geworden ist aus Liebe zu uns und der Gemeinschaft will: das Volk Gottes, die Kirche.

Veränderungen wahrnehmen - das ist das eine. Aber hat das Folgen bei uns? Es hilft uns nicht, wenn wir wehleidig über die schwierigen Zeiten für den Glauben und die Kirche jammern, aber auch nicht, wenn wir in unserer deutschen Kirche bis hinein in die Gemeinden einfach so weitermachen.

Dieses pastorale „Weiter - Mach - Modell“ sehen wir heute Abend wieder im Fernsehen in dem Sketch „Dinner for one“. Da sitzt außer der alten Lady niemand mehr am Tisch, aber für den alten Butler gilt: „James, the same procedure as every year“.

 Einmal konkret in unsere Situation hinein gefragt: Entspricht der Weiße Sonntag, so wie wir ihn seit Jahrzehnten jährlich feiern, noch der Glaubenssituation der meisten Kinder und ihrer Eltern? Ist das nur noch feierliche Fassade für ein Familienfest, das dann auch noch möglichst in jeder Gemeinde gefeiert werden muss? Sollte da nicht auch einmal über eine nötige Veränderung nachgedacht werden dürfen?

 Schönreden hilft uns nicht und Schwarzmalen schon gar nicht. Denn Gott ist es, der uns diese Zeit zumutet und uns da hineinstellt. Wir haben hier und heute eine Mission, da sind wir unersetzlich - und das dürfen wir auch als Christen in dieser unserer Kirche mit ihren Blessuren ohne Überheblichkeit, aber selbstbewusst, sagen.

Das Wort Mission hat es in sich. Viele denken: „Ja, wir selbst werden schon noch katholisch bleiben. Aber andere für den Glauben gewinnen? Das gelingt uns doch oft in der eigenen Familie nicht, bei den Kindern oder Enkeln den Glauben zu wecken und wachzuhalten.“

Es gehört zur Ehrlichkeit zuzugeben, dass die Kirche bis in die Gemeinden hinein in unserem Land oft wenig Faszination ausübt, schon gar nicht auf Jugendliche. Man erwartet nichts mehr von der Kirche. Es gibt manches Mal auch Enttäuschung durch mangelnde Wertschätzung und Unterstützung, Kräfteverschleiß durch einen mäßig christlichen Umgang miteinander und zu wenig Evangelium. Die Verwaltung aber funktioniert.

 Vor lauter Bemühungen, den Betrieb am Laufen zu halten und Erwartungen zu befriedigen, stehen wir Christen in der Gefahr, ob haupt -oder ehrenamtlich tätig, die Kraft und die Ausstrahlung zu verlieren für die, die nicht mehr oder noch nicht zu uns gehören. Der ehemalige Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, dem ich auch den Impuls für diese Predigt verdanke, brachte es auf den Punkt, als er sagte:

 „Die schleichende Säkularisierung von innen, die unbemerkt mit rastloser Betriebsamkeit einhergehen kann, geht an die Substanz und ist viel gefährlicher für den Glauben als der Verlust gesellschaftlicher Positionen... Wenn die Kreuzesreligion zur Bedürfnisreligion wird, dienen wir schließlich keinem mehr, nicht Gott und nicht den Menschen“. Zitat Ende.

 Der eigentliche Mangel, an dem wir in unserer Kirche immer mehr leiden, ist nicht das knapper werdende Geld. Uns fehlt bis hinein in unsere Gemeinden die Überzeugung, dass wir eine Mission haben. Mit dem Evangelium haben wir eine Botschaft, für die es in der Welt keine bessere Alternative gibt. Das Wort vom Licht der Welt und vom Salz für diese Erde aus der Bergpredigt, das wir im Evangelium gehört haben, ist die Bestätigung Jesu für dieses unersetzbar sein von uns Christen. Diese Botschaft fordert uns aber auch heraus, selbst neu auf sie zu hören. Nur so können wir das Evangelium unter die Menschen bringen, wenn es für unser eigenes Leben die Kraftquelle ist, aus der wir leben.

Spielt die Heilige Schrift im Leben von uns Katholiken eine prägende Rolle oder ist sie vermeintlich nur etwas für Spezialisten? An Weihnachten haben wir immer wieder gehört, dass Jesus das Licht ist, das von der Krippe ausstrahlt. Zu diesem Licht kommen wir aber nicht im Sitzen und nicht allein durch Sitzungen, in denen das Evangelium als Maßstab unseres Handelns oft gar nicht vorkommt. Das Evangelium will uns allen vielmehr Beine machen und uns in Bewegung bringen, um den Menschen zu bezeugen, dass Jesus für uns und für sie das Licht für ihr Leben ist. Das ist unsere Mission.

 Wahrnehmen verändert. Wahrnehmen, das meint nicht nur sehen, vielleicht klagen über die schwierigen Zeiten für den Glauben und dann einfach so weitermachen. So verändert sich nichts. Wahrnehmen heißt vielmehr: seine Aufgabe wahrnehmen und handeln.

Mission heute bedeutet für uns Christen zunächst einmal selbst in unserem Umfeld mit unseren Stärken und Schwächen glaubwürdig christlich zu leben. Wort und Handeln, Gottesdienst feiern und unser Alltag gehören zusammen: Der Religionslehrer, der nicht nur vom Glauben redet, sondern ihn auch selbst lebt; die Schwester der Caritas-Sozialstation, die der Liebe Christi zu den Menschen ihr eigenes Gesicht gibt; die Erzieherin im Kindergarten, die das Kirchenjahr mit den Kindern feiert und es selbst in ihrer Gemeinde mit lebt; die Eltern, die mit ihrem Kind abends an der Bettkante beten; die Priester, Diakone und pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht nur Gemeinschaft in den Pfarreien von ihrem Dienst her gestalten, sondern Gemeinschaft auch selbst miteinander leben: sie alle sind lebendiges Evangelium.

Ich selbst habe mich als Generalvikar bei der Umstrukturierung der Diözese stark engagiert. Ich weiß aber auch, eine organisatorische Veränderung allein macht es nicht.

Heute ist besonders ein glaubwürdiges Wort, ein Gespräch von Mensch zu Mensch gefragt, wie es Philippus mit dem Kämmerer der Königin der Äthiopier tat: Woraus lebe ich? Was lässt mich glauben und hoffen? Warum bin ich Christ in dieser Kirche und warum bleibe ich es? Dort wo ein Christ, eine Christin jemanden in sein Leben und in sein Herz schauen lässt, da kann auch heute noch das geschehen, was in dem Gespräch zwischen Philippus und dem Hofbeamten geschah: Er fand zum Glauben.

Christen, die mitten im Lebensalltag ihr geistliches Profil zeigen - unaufdringlich, aber erkennbar, selbstbewusst, aber nicht überheblich - die lassen auch heute aufhorchen. Und das ist nicht allein die Aufgabe der Bewohner von Pfarrhäusern und Klöstern oder anderer Kirchenprofis.

Wahrnehmen verändert. Das gilt auch für uns Seelsorger. Wir dürfen wahrnehmen, dass sich viele Menschen in unserer Pfarreiengemeinschaft ehrenamtlich einsetzen, damit Gemeindeleben in seiner vielfältigen Form möglich ist. Dafür möchte ich auch im Namen des gesamten Seelsorgeteams Danke sagen, denn das lässt uns eben nicht resignieren, sondern gibt auch uns Mut und Kraft für unseren Dienst. Sie und viele andere, die unserem Glauben durch ihr Leben Farbe geben, helfen mit, dass deutlich wird: Der Glaube lässt das Leben nicht verkümmern, er engt es nicht ein, sondern setzt es frei und macht es reich.

 Ich wünsche Ihnen als Ihr Pfarrer zum Jahreswechsel und für das neue Jahr, dass wir in aller Offenheit im Blick auf unsere Glaubenssituation, auf unsere Kirche und unsere Pfarreiengemeinschaft feststellen dürfen:

 Wahrnehmen verändert: die Situation - und uns selbst. Amen.

Pfr. Thomas Keßler

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