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Hier können Sie Predigten nachlesen, die in unserer Pfarreiengemeinschaft gehalten wurden.

Pfingstsonntag 2022 Lesung: Apg 2, 1-11 Predigt

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Lesung aus der Apostelgeschichte mit den vielen Ländernamen ist für manche Lektorinnen und Lektoren eine große Herausforderung. Ich habe einmal erlebt, dass aus Kappadozien die Kapuziner wurden. Da kann es schon sein, dass ein Pfarrer versucht ist, den Lektoren mit dem Tipp zu helfen: „Lassen sie doch die Namen einfach weg, die kennt doch eh niemand.“

 Im Grund ist das aber ein schlechter Rat, denn damit geht ein zentraler Inhalt von Pfingsten verloren: die Universalität. Kein Land der damals bekannten Erde soll vergessen sein. Der Heilige Geist erfasst Welt umspannend alle Völker. Er führt sie trotz aller Unterschiede zusammen und wirkt, dass sie einander verstehen. Das ist die Kirche in ihrer Geburtsstunde: Vom ersten Augenblick ihres Daseins an spricht sie alle Sprachen und ist doch eins in demselben Geist. Das ist ihr in die Wiege gelegt und gleichzeitig ins Stammbuch geschrieben! Sie ist nicht Weltkirche geworden, weil es dafür eine geschickte Planung gab, sondern weil sie es von Anfang an kraft des Heiligen Geistes ist.

 Pfingsten ist ein göttlicher Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, in der jeder sich selbst der Nächste ist. Wildfremde Menschen finden zusammen und sind eines Geistes. (Schluss mit der babylonischen Sprachverwirrung!) Jeder versteht jeden. Die Feuerzungen machen keinen Unterschied zwischen den Menschen, vor dem Heiligen Geist sind alle gleich. Auf jeden von ihnen lässt er sich nieder. Das ist eine riesige Provokation für die antike Sklavenhaltergesellschaft.

 Die Griechen nannten die Fremden Barbaren, die Römer nannten sie Feinde. Die Christen sagten: Sie sind unsere Freunde. Das ist die Sichtweise von Pfingsten im Blick auf die Menschen. Die Kirche hat in ihrer Geschichte, gerade auch in ihrer Missionsgeschichte, nicht immer in diesem Geist gehandelt. Die Kirche darf sich nicht auf eine bestimmte Kultur oder auf unsere europäische Sichtweise festlegen. Sie darf nicht nach den Erfahrungen und Vorstellungen oder dem Kirchenmodell eines Landes oder Kontinentes festgelegt werden. Es geht um die Weltkirche. Wir sind keine Landeskirchen oder Nationalkirchen. Unser Standort ist die Welt. Das macht Papst Franziskus durch seine Kardinalsernennungen bis hinein in die kleinsten Ortskirchen deutlich. Er baut allmählich die Kirchenleitung hin zu einer Verantwortung für die Kirche, die sich aus der ganzen Weltkirche zusammensetzt, um. Auch bei uns sind Pfarrvikar Johnson und Pater George in Hohenroth keine Lückenbüßer, weil uns das Personal fehlt, sondern sie repräsentieren diese eine Weltkirche bei uns, genauso wie die indischen Schwestern, die mit uns leben. Wir haben eben nicht eine Kirche in der sogenannten Dritten Welt, als hätten wir Kolonien oder Ableger, sondern wir sind die eine Weltkirche. Wenn die Kirche das zeichenhaft darstellt, wird sie von selbst farbig und bunt. Dann gilt es aber auch die Bedürfnisse der Kirche z. B. In Lateinamerika ernst zu nehmen. Wenn sie auf ihrer Amazonassynode um die Weihe von verheiraten Männern bittet, damit sie überhaupt noch bestehen kann, kann das eigentlich von der Zentrale nicht einfach abgelehnt werden, kommt doch Papst Franziskus wie er selbst sagte „vom Ende der Welt“.

 Weltkirche sein, das erfordert eben auch Mut zur Vielfalt in der Einheit des einen Glaubens. Damals blieben die Römer Römer und die Griechen blieben Griechen. Aber der Heilige Geist verbürgt die Einheit in allen Unterschieden. Das heißt für uns heute im Grund: Für uns als Christinnen und Christen gibt es aus der Sicht des Glaubens und besonders des Pfingstereignisses keine Ausländer. Priester aus anderen Ländern und Kulturen sind z.B. keine ausländischen Priester, sondern weltkirchliche Mitbrüder! Jede Überheblichkeit anderen Kulturen und Sprachen verbietet sich bei uns, auch wenn es das leider immer wieder gibt. Gott hat den anderen etwas geschenkt, was wir nur durch sie erfahren können, zum Beispiel die Freude am Glauben auch auszudrücken. Für manche Afrikaner und Asiaten ist unsere emotionslose oder auch freudlose Art, als Gemeinde im Gottesdienst beisammen zu sein, ein richtiger Kulturschock.

 Die Kirche ist kein Selbstzweck und kein Rückzugsort für ängstliche Gemüter. Wir sind kein Nischenanbieter auf dem Markt religiöser Sinnangebote, der auch noch an gesellschaftlicher Bedeutung verliert. Leider ist oft der Eindruck entstanden, die Kirche sei eben eine Veranstaltung für Kirchenleute und ein paar interessierte Menschen in den Gemeinden, ein Interessenverein, der verwaltet, was er hat. Wir dürfen unsere Hoffnungsenergien nicht länger in kircheninternen Strukturdebatten verpulvern. Unsere Welt ist gewaltigen Veränderungen ausgesetzt, nicht nur zum Guten. Wir sind oft mit uns selbst so beschäftigt, dass wir die Zeichen der Zeit nicht wahrnehmen oder keine Kraft haben, uns ihnen zu stellen. Heute sind solche Zeitzeichen die Geflüchteten. Ich bin dankbar für jegliche Initiative bei uns, um ihnen zu helfen. Auch die Internationalität in unserer kleinen Stadt lehrt uns, was das heißt: aus allen Sprachen und Nationen. Was würde uns alles entgehen, wenn wir uns abschotten würden! Das darf nicht sein, weil wir nämlich katholisch sind: eben Weltkirche heute 2022.

 Pfarrer Thomas Keßler,
nach Impulsen von Franz Kamphaus

7. Sonntag der Osterzeit C 2022 Predigt

Evangelium Joh. 17,20-26

Liebe Schwestern und Brüder,

heute geht der Katholikentag in Stuttgart zu Ende. Er hatte nicht die Zugkraft wie die Katholikentage vorher. Vielleicht ist es die Corona-Pandemie gewesen, die die Teilnehmerzahl zurückgehen ließ. Aber wahrscheinlich ist der Grund eher darin zu finden, wie wir als katholische Kirche momentan wirken.

Unsere internen Probleme bekommen wir nicht in den Griff. Wir „verstolpern“ uns immer wieder bei der Aufarbeitung des Missbrauchs. Die Erneuerungsfähigkeit wird auch in unseren eigenen Reihen oft nicht mehr wirklich für möglich gehalten. Dass der Generalvikar von Speyer das Handtuch geworfen und sogar aus der Kirche ausgetreten ist, ist wie die prominente Spitze eines Eisbergs. Ich kenne ihn persönlich und mir tut dieser Schritt sehr weh. Monatlich bekomme ich selbst die Austrittserklärungen auf den Schreibtisch. Engagierte Gemeindemitglieder sagen mir, dass sie gar nichts mehr an Erneuerungsfähigkeit erwarten, sie sehen ihre Aufgabe darin, die eigene Gemeinde am Laufen zu halten.

Ein Punkt, der immer wieder berührt, oder, was noch schlimmer ist, für viele kein Thema mehr darstellt, ist die Einheit der Christen. Entweder rechnet man nicht mehr damit, oder es ist vielen ganz einfach egal. Dabei geht es um unseren Markenkern, nämlich um unsere Glaubwürdigkeit im Blick auf das Evangelium - gerade heute.

Im Angesicht des Todes betet Jesus für die Einheit der Christen: alle sollen eins sein. Wir können sagen, die Ökumene ist ihm ein Herzensanliegen. Das müsste sie auch für uns als Christinnen und Christen heute sein. Aber ist sie das?

Am Ende des Katholikentags wird zum nächsten evangelischen Kirchentag eingeladen werden. Trotz vieler Berührungspunkte laufen wir nach wie vor nebeneinander her. Ich werde den Eindruck nicht los, dass wir auf der Stelle treten. Jede Kirche ist so mit sich selbst beschäftigt, dass die Notwendigkeit der Ökumene darüber in den Hintergrund tritt. Das geschieht aber gegen den erklärten Willen Jesu. Dieser Wille Jesu ist uns eben im Evangelium verkündet worden, ohne Wenn und Aber. Die Ökumene ist also nicht in unsere Lust und Laune gestellt, wenn wir dem Auftrag Jesu treu bleiben wollen, gibt es keine Alternative dazu.

 Die Frage bleibt – und da geht es nicht nur um die Kirchenleitungen: Wollen wir die Einheit der Kirche wirklich? Wären wir bereit, auch evangelisches Denken und Fühlen bei uns zuzulassen? Manche Reaktion in der orthodoxen Kirchenfamilie zum Krieg in der Ukraine macht darüber hinaus ökumenisches Denken und Handeln nicht leicht.

 Im Blick auf die evangelischen Geschwisterkirchen, die wir nicht als kirchliche Gemeinschaften abtun dürfen, trennt uns heute vor allem eine unterschiedliche Bewertung des Amtes und der katholische Grundsatz, dass Eucharistiegemeinschaft die volle Kirchengemeinschaft voraussetzt.

 Aber was uns Christen verbindet ist weit wichtiger als das, was uns trennt. Auch evangelische und orthodoxe Christen haben Anteil am Leben der einen Kirche, denn die Taufe verbindet uns alle.

 Außerdem: Die Ehepartner spenden sich gegenseitig das Ehesakrament. Ein evangelischer Christ spendet also einem katholischen Christen ein Sakrament, wenn ein evangelischer Christ katholisch heiratet. Warum sollte diese sakramentale Teilhabe an der Sendung der Kirche dort ihre Grenze finden, wo es um den Empfang der Heiligen Kommunion geht?

 Es wurden zwar inzwischen seelsorgerische Brücken gebaut, aber für viele bleibt doch der schale Beigeschmack, dass die Gemeinsamkeit dort aufhört, wo die Quelle und der Höhepunkt des Glaubens gefeiert wird: in der Eucharistie. Die Voraussetzung zum Kommunionempfang ist nicht in erster Linie das Annehmen unseres Kirchenverständnisses, sondern der Glaube an die Gegenwart Christi in der Eucharistie.

Längst ist das ja in unseren Gemeinden zur allgemeinen Praxis geworden: beide konfessionsverschiedenen Eheleute gehen selbstverständlich zur Kommunion, weil sie überzeugt sind, zur Gemeinde zu gehören, die sich am Tisch des Herrn versammelt.

 Unsere Kirche tut sich immer noch schwer, die Einladung zum evangelischen Abendmahl anzunehmen. Hier liegt noch ein dringend notwendig zu gehender Weg vor uns. Für viele Christinnen und Christen sind das theologische Feinheiten, die mit ihrem Leben nichts mehr zu tun haben.

„Alle sollen Eins sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“, sagt uns heute Jesus. Es geht um die Welt - als Kirche sind wir nicht Selbstzweck. Es ist fatal, wenn jede Konfession ihr eigenes Kirchengärtlein gießt und mit sich selbst gut zu tun hat. Deshalb ist es auch so schlimm, dass wir durch unsere internen Probleme, gerade in der momentanen Situation, wo es um Tod und Leben geht, mit unserer Botschaft des Lebens nicht gehört werden und an gesellschaftlicher Bedeutung verlieren.

Wir sind als Kirche aber dafür da, dass das Evangelium unter die Leute gebracht wird und der Glaube an Gott wächst. Die Spaltung, auch unsere katholischen internen Spannungen und der Umgang miteinander, sprechen gegen uns und behindern unseren Auftrag für diese Welt.

 Vor einigen Jahren sagte Kardinal Schönborn von Wien bei einem Vortrag in der St.-Michaelskirche unseres Priesterseminars vor Priestern und Diakonen, dass wir zu viel Kirche und zu wenig Christus in den Mittelpunkt stellen.

 Angesichts der Austrittszahlen und einer zunehmenden religiösen Vielfalt in unserer Gesellschaft stellt sich immer mehr die Frage, was aus dem Christentum in unserem Land wird. Wir können nur gemeinsam der wachsenden Zahl nicht christlicher Mitbürgerinnen und Mitbürger das Evangelium bezeugen. Es geht schon längst nicht mehr um einzelne Glaubensaussagen, sondern um unseren Gottesglauben überhaupt.

 Sind wir mit uns selbst allein in der Welt, oder gibt es ein letztes Gegenüber, ein Du, das in Jesus Mensch geworden ist und uns einmal erwartet? Einen Gott, der ein Gott des Lebens und nicht ein Gott der Gewalt ist?

 Unser Glaube schützt uns davor, uns selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Dieser Gefahr können wir letztlich nur dadurch entgehen, dass wir unser Leben auf Gott gründen. Die nichtchristliche oder von Glauben und Kirche distanzierte Umgebung wird nur durch Menschen aufhorchen, die sich unterscheiden, weil sie ihr Leben auf Gott bauen. - „Wenn das „christlich“ heißt, dann kann man ja darüber reden“.

 Jesus hat am Ende seines Lebens keinen Vortrag zur Einheit der Christen gehalten, er hat um sie gebetet. Das Evangelium heute ist eine Bitte an den Vater. Beten heißt: lasst uns Gott etwas zutrauen, mehr als uns selbst. Das Gebet ist ein Hoffnungssignal. Wir geben die Hoffnung auf die Einheit der Christen und die Erneuerung der Kirche, nicht nur in Strukturen oder Kirchenrecht, sondern in der Tiefe nicht auf. Amen.

Pfarrer Domkapitular Thomas Keßler

Liebe Schwestern und Brüder,

 

mit dem heutigen Sonntag gilt also für unsere Gottesdienste und das Gemeindeleben fast so etwas wie der Normalzustand nach zwei Jahren Corona bedingten Einschränkungen. Wir müssen uns erst wieder daran gewöhnen – und es bleibt auch ein Stück Unsicherheit. Bei aller Erleichterung, dass das Leben wieder normaler wird, ist das Risiko wirklich kalkulierbar? Oft sprechen wir auch vom Gemeindeleben, wie es vor Corona war und es stellt sich die Frage: Wie wird es jetzt werden? Ich begegne

häufig Menschen, die immer wieder davon sprechen, wie die Kirche, die Gemeinde und auch das gesellschaftliche Leben früher war. Das sind oft wertvolle Erfahrungen, aus denen wir auch ein Stück leben. Aber kann es vielleicht sogar eine "bessere neue Zeit" in der Zukunft geben? Angesichts der momentanen Situation in Europa, in dieser Welt überhaupt und die konkreten Auswirkungen auf unser Leben bis hinein in den Geldbeutel eine steile These. Diese jedenfalls wird uns in der alttestamentlichen Lesung verheißen.


„Siehe, nun mache ich etwas Neues“ – und zwar „Jetzt“, haben wir eben gehört. Deckt sich das mit unserer Erfahrung? Können wir spüren, dass in diesem Augenblick etwas Neues geschieht? Er, der ewige und unbegreifliche Gott, greift konkret ein in die Kreisläufe der von ihm geschaffenen Welt. Er durchbricht sie, um Neues entstehen zu lassen, um seiner Schöpfung eine neue Richtung und einen neuen Sinn zu geben. Können wir das glauben? Ist das auch unser Bild von Gott?


Es ist jedenfalls der Kern der Glaubenserfahrung des Volkes Israel:
„Gott greift ein – ganz konkret!“ Die Jesaja-Lesung erzählt vom Glauben
des Volkes Israel an das rettende Eingreifen Gottes in einer ganz
konkreten Erfahrung. Es ist die Erfahrung des rettenden Auszugs aus Ägypten und damit des Schlüsselereignisses für den Glauben Israels. In der Osternacht werden wir diese Erzählung hören. Mit der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten spricht Jesaja dem Volk Israel Trost zu.Es lebt seit zwei Generationen in Babylon fern der zerstörten Heimat im Exil. Die siegreichen Babylonier hatten die Israeliten dorthin verschleppt. Ja mehr noch, Jesaja verkündet: Gott setzt einen neuen Anfang. Damals war alles, was den Israeliten heilig war, vernichtet oder zumindest in unerreichbare Ferne gerückt: das Land, das Gott dem Abraham und seinen Nachkommen gegeben hat, Jerusalem, die heilige Stadt, und der Tempel als der Ort, an dem Gott inmitten seines Volkes wohnt. In diese unheilvolle Situation hinein spricht der Prophet das unglaubliche Wort vom Neuen, das Gott jetzt geschehen lässt. Davor jedoch steht ein bedeutsamer Satz: Das Volk kann nur dann sehen, dass das Neue schon zum Vorschein kommt, wenn es nicht mehr an das denkt, „was früher war“ (Jes 43,18).


Wir tun uns als Menschen des 21. Jahrhunderts heute oft schwer mit dem alttestamentlichen biblischen Gottesbild von vor über 2500 Jahren. Kann man an einen Gott glauben, der auch heute ganz konkret in den Lauf der Dinge eingreift?


Die Jahrtausende alten Bilder des Jesaja lassen sich vielleicht so in Bilder der Gegenwart übertragen: Wir sehnen uns danach, dass in unserer Zeit,
inmitten der von Zerstörung bedrohten Schöpfung, in Zeiten von Krieg in der Ukraine und Not und der Unterdrückung von Frauen in Afghanistan, angesichts von wirtschaftlicher Sorge auch bei uns, Neues wächst! Wir sehnen uns danach, dass die voranschreitende Verwüstung der Erde durch den Raubbau an ihren Ressourcen und gewaltbereite Machtinteressen aufhört! Wir sehnen uns danach, dass alle Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben und zu allem anderen, was zum Leben nötig ist! Und wir sehnen uns danach, dass die Würde des Menschen von Beginn bis zum irdischen Ende geachtet wird!


Das ist auch das, was vom Hilfswerk Misereor unterstützt wird. Wir brauchen die Vision des wirkmächtigen Gottes, da der Mensch offenkundig aus eigener Kraft nicht in der Lage ist, grundlegend Neues wachsen zu lassen.


Wenn Jesaja vom „Neuen“ spricht, das Gott wachsen lässt, dann hat er mehr im Blick als neue Methoden der Energiegewinnung und -einsparung, mehr als eine nachhaltigere Umweltpolitik und eine erneuerte Wirtschaftsordnung. Wir als Kirchen und engagierte Christinnen und Christen sollen uns mit aller Kraft dafür einsetzen und tun es ja auch an vielen Stellen. Aber dem Propheten Jesaja geht es um etwas grundlegend Neues, um eine umfassende Neuausrichtung, von der alles andere seine Kraft und sein Ziel erhält: um die Vision „eines neuen Himmels und einer neuen Erde“. Und dieser neue Himmel und diese neue Erde sind etwas völlig anderes als eine bloße Verbesserung des Bestehenden. Sie sind die Antwort auf die tiefste Sehnsucht der Schöpfung und ihrer Menschen.


Weil das „Neue“ von Gott kommt und somit die Grenzen von Raum und Zeit sprengt, deshalb kann es sich immer wieder auch in unserer Gegenwart ereignen. Weil es von Gott kommt, kann es die Kreisläufe des Menschen durchbrechen. Immer dann, wenn wir im Vertrauen auf ihn unsere Blickrichtung ändern und nicht mehr zurückschauen auf das, was vergangen, was vergänglich ist, dann erleben wir, wie Gottes Geist das Antlitz der Erde erneuert (vgl. Ps 104,30). Denken Sie nur daran, was die Bitte von Papst Johannes Paul II. In Warschau ausgelöst hat, als er betete: Sende aus Deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu!“. Die Gewalt, die die Menschen in der Ukraine erleben müssen, ist auch ein menschlicher, fürchterlicher Versuch, dieses Wirken des Geistes Gottes zurück zu drängen.


Und wie ist es mit unserer Kirche und damit mit uns selbst? Oft genug haben wir da auch unsere alten Bilder und Erfahrungen im Kopf, die ja auch gut und wichtig waren, die uns geprägt haben. Machen Sie doch bei sich selbst einmal den Test:


Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an die Kirche denken? Denken Sie an feierliche Gottesdienste, volle Kirchen, große Wallfahrten, Bittgänge, an Pfarrfeste, lebendige Gruppen in der Gemeinde und viel Leben im Pfarrheim? Vielleicht denken Sie an Ihre Erstkommunion, an tolle Jugendfreizeiten und Zeltlager, die Ministrantenzeit oder an Ihre Hochzeit. Offensichtlich sind die
Vorstellungen, die man von Kirche hat, wesentlich durch Erlebnisse aus
der Vergangenheit bestimmt, aus Zeiten, in denen für viele Vieles besser war und die Kirche sozusagen „noch im Dorf“ lebendig war. Das ist doch Bundesweit die Sorge, dass die „Kirche im Dorf“ bleibt. Und das ist auch gut und verständlich.


Doch kann das Erscheinungsbild der Kirche von gestern auch zum Maßstab für heute gemacht werden? Manche kämpfen sogar richtig darum, dass möglichst alles wieder so wird, wie es einmal war, die Wiedererrichtung oder Wiederbelebung alter Verhältnisse. Das ist aber gut gemeint die Rückkehr in die Vergangenheit. Notwendig ist es aber, den Glauben immer wieder zu übersetzen, ihn verständlich zu machen und zu leben in unserer Zeit. Dieses Bemühen zieht sich durch die ganze Kirchengeschichte. Um wirklich apostolisch zu bleiben, braucht es die ständige Erneuerung. Es muss nicht nur darauf geachtet werden, was Jesus gewollt hat, sondern auch, „was die gegenwärtige Zeit von uns verlangt“. Das sagte schon im 12. Jahrhundert der heilige Bernhard von Clairvaux. Auch hier braucht es immer wieder eine Erneuerung.


„Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein,
merkt ihr es nicht?“ Nicht wir sind die eigentlichen Akteure, Gott ist es, der handelt. Er legt – wie Jesaja schreibt – „einen Weg durch die Steppe an und
Straßen durch die Wüste“, er lässt auch dort „Wasser fließen und Ströme“, um sein „erwähltes Volk zu tränken“. Gott ist immer auch ein Gott der Zukunft. Doch dazu muss man bereit und offen dafür sein, sich auch vom Alten zu lösen, so schwer das einem auch fällt. Gott braucht Menschen, die Ihren Blick nach vorn richten und für seine Überraschungen offen sind.


Kirche ist nicht von gestern, sondern hat eine Zukunft, weil Gott mit uns
im Bunde bleibt. Und dazu gehört sicher, dass viele von uns spontan und kreativ auf die Not der Flüchtlinge reagieren und dafür Zeit und Kraft investieren. Für mich ist das ein lebendiges Zeugnis eines mündigen Glaubens, der die Zeichen der Zeit erkennt und darauf reagiert. Aber auch an anderen Stellen sehe ich manche Aufbrüche, in denen sich zeigt, dass es genügend wache und verantwortungsbewusste Christen in unserem Bistum gibt. Dazu gehören auch all die, die sich bereit erklären, im gemeinsamen Pfarrgemeinderat und in den neuen Gemeindeteams, einen Teil ihrer Zeit zur Verfügung zu stellen! Unterstützen wir solches Engagement durch unser Interesse, unser Mittun und unser Gebet nach Kräften! Und bemühen wir
uns, den kostbaren Schatz des Glaubens immer wieder so auszulegen
und zu vermitteln, dass möglichst viele Menschen erkennen, woraus sie

leben können und worauf sie hoffen dürfen. Dazu hat uns Gott schließlich als Christinnen und Christen berufen und beauftragt: um dem Leben zu dienen und Zeuginnen und Zeugen der Erlösung zu sein, Mut zu machen, zu heilen, zu begleiten und zu trösten. Mögen wir dabei nie die Hoffnung verlieren. Amen.

Pfarrer Thomas Keßler

Predigt zur Errichtung des Pastoralen Raums Marktheidenfeld
3. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr c (20.1.2022), 
Ev.: Lk 1,1-4;14-21 

Liebe Schwestern und Brüder, 

vor 200 Jahren wurde unser Bistum nach der Säkularisation neu errichtet und erhielt im Jahr 1821 nach fast 20 Jahren Unterbrechung wieder einen Bischof. Die Aufhebung der Klöster und die Verstaatlichung des Kirchenbesitzes war ein Paukenschlag. Die Zeit der Kirche, die vom Adel geprägt war und einen Teil des heiligen römischen Reiches deutscher Nation bildete, war vorüber. 

In seiner Predigt zum Jubiläum der Neugründung am vergangenen Christkönigssonntag sagte unser Bischof, ich zitiere: “Der Untergang einer bestimmten Sozialgestalt von Kirche war nicht gleichbedeutend mit dem Untergang der Kirche selbst. Auch wir beobachten heute, dass das Gemeindeleben der vergangenen Jahrzehnte vielfach nicht mehr von allen Christen mitgetragen wird. Das Ende der Volkskirche muss aber nicht das Ende von Kirche überhaupt bedeuten, sondern es markiert einen Übergang in eine neue Form des Kirche-Seins, die zu entwickeln uns heute aufgegeben ist.“ Zitat Ende.

 Wir sind heute eine „Kirche im Übergang“ und wissen noch nicht, wie einmal unsere Gemeinden und das Christsein überhaupt, aussehen werden. Die Errichtung der 43 Pastoralen Räume und damit die Umstrukturierung unseres Bistums ist dafür ein Zeichen. Es hat immer Veränderungen in der Kirche gegeben. Wir werden lernen, wie die Seelsorge von allen hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern gemeinsam mit den engagierten Christinnen und Christen in den Gemeinden gestaltet werden kann. Es wird neue Gremien geben, die Verantwortung für das kirchliche Leben tragen werden. Miteinander sind wir in der nächsten Zeit eine Lerngemeinschaft.

 Dabei haben wir aber auch mit der Erschütterung durch den Skandal des Missbrauchs in unserer Kirche und dem Verhalten mancher Verantwortungsträger zu kämpfen. Ich kann nur allen Christinnen und Christen danken, die in ihrem Engagement weitermachen und trotz aller Trauer und auch Wut über den Zustand der eigenen Kirche nicht hinschmeißen. Sie stehen oft genug im Gegenwind und müssen ihn aushalten: „Was, du machst noch in diesem Laden mit?“ Ich frage mich auch selbst, wenn ich an die Zeit meines Dienstes als Generalvikar denke: „Habe

ich alles richtig gemacht?“ Dieser Zweifel, wie es weitergeht angesichts dieses fürchterlichen Skandals, aber auch manche Zweifel, ob das alles so richtig ist, was wir da so tun mit den Pastoralen Räumen , können lähmen. Ich weiß wovon ich rede: Am nächsten Sonntag wird unser Pastoraler Raum Bad Neustadt errichtet und ich werde der Moderator. Aber es hilft auch nicht, wenn wir sozusagen im Loch der Frustration sitzen bleiben.

 Mir hilft ein Satz aus der Predigt bei meiner Primiz vor 38 Jahren. Dieser Satz hat bei mir gesessen, den habe ich mir gemerkt. Der Primizprediger, es war der damalige Dekan von Schweinfurt Heinz Röschert, sagte zu mir: „Du hast einen Hoffnungszettel in der Tasche, der ist größer als es die Polizei erlaubt: Es ist das Evangelium“.

 Also schauen wir rein, in den Hoffnungszettel, den uns Lukas mitgegeben hat. Er schreibt seinem Schüler Theophilus, dass das, was er aufgeschrieben hat, wahr ist. Dahinter steht auch die Erfahrung einer jungen Gemeinde, dass Jesus als der Auferstandene und als Geisterfüllter unter ihr lebt.

 Nach Lukas hält hier Jesus seine Antrittspredigt in der Synagoge von Nazaret. Er beruft sich dabei auf den Propheten Jesaja. Für Jesus enthält diese Schriftstelle Grundsätzliches für sein Wirken:

 „Der Herr hat mich gesalbt“. Jesus ist der Christus, zu deutsch: der Gesalbte, und: „Der Geist des Herrn ruht auf mir“. Jesus ist mit dem Heiligen Geist gesalbt. Und wir? Wir nennen uns Christen, also: Gesalbte. Wir sind in unserer Taufe und Firmung mit dem Heiligen Geist gesalbt. Gott sagt uns: Du bist etwas ganz Besonderes, du bist einzigartig. Das hat Folgen. Christinnen und Christen, die sich engagieren sind nicht einfach wie in der Gesellschaft so bezeichnet: Ehrenamtliche. Sie sind zuerst Töchter und Söhne Gottes und Geschwister Christi. Somit sind sie auf Augenhöhe mit allen, die vom Bischof geweiht und beauftragt als Seelsorgerinnen und Seelsorger wirken. Wer aus Überzeugung als Christin und als Christ lebt darf von sich sagen: ich bin gesalbt und nicht angeschmiert! Und auch die, die die wir nicht bewusst wahrnehmen, die vielleicht auch nicht so richtig dazu gehören wollen, sind Kinder Gottes!

 Der Pastorale Raum ist nicht so etwas wie ein neu eingeteilter kirchlicher Polizeidistrikt, sondern Teil des Volkes Gottes. Das ist aber nicht dazu da, allein für sich selbst zu sorgen, denn:

Er hat mich gesandt“. Jesus geht nicht auf eigene Faust ans Werk. Er weiß sich von Gottes Geist gesandt. In dessen Kraft tritt er auf. Seine Verkündigung und sein heilendes Wirken sind Geist gewirkt. Das ist ein Schwerpunkt im Evangelium des Lukas. In seiner Apostelgeschichte wird dieser Geist auf alle ausgegossen. Das hat Folgen.

 Jesus sendet uns durch seinen Geist. Der Pastorale Raum kann auch als Sendungsgemeinschaft verstanden werden. Jesus ruft uns nämlich heraus. Wir sollen uns nicht selbst anschauen in unseren Gemeinden und ihren Gremien. Wir sollen vielmehr die Stühle nach außen drehen. Sein Geist kann uns frei machen von der Angst um unseren Selbsterhalt. Unsere Kommunionvorbereitung ist nicht in erster Linie dazu da, um danach neue Minis zu rekrutieren, sondern Eltern und ihren Familien ein Sinnangebot anzubieten zu einem erfüllteren Leben. Sein Geist lässt uns frei werden für andere, er sendet uns. Wenn sich bald neue Gemeindeteams bilden und gemeinsame Pfarrgemeinderäte, dann liegt doch darin auch die Chance einer Neuvergewisserung unserer Sendung! Wir dürfen doch unsere besten Kräfte und Hoffnungsenergien nicht für uns selbst vertun.

 Das Sendungswort Jesu hat eine klare Ausrichtung: „damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe“. Arme gibt es heute auch unter uns, oft im Verborgenen und verschämt. Da ist sicher eine Chance eines größeren Pastoralen Raumes, Initiativen anzustoßen, die Partei ergreifen und konkrete Hilfe koordinieren. Das Evangelium muss in vielen Fällen sich in ganz konkreter Hilfe verwirklichen, das hat Jesus oft genug sichtbar gemacht. Aber es gehört auch das Wort Gottes dazu. Die Frohe Botschaft als Orientierung und Hilfe zum Leben anzubieten und dafür alle Geist gewirkte Kreativität freizusetzen heißt der Antrittspredigt Jesu zu folgen.

 Jesus endet seine Antrittspredigt eindrucksvoll: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“. Die prophetische Verheißung des Jesaja wird in Jesus Wirklichkeit. Das Heil ereignet sich heute. Es ist keine Zeit mehr, abzuwarten oder zu sagen: „Na ja, irgendwann, ist es schon so weit“. Jetzt ist es so weit. Die Zeit des Heils ist angebrochen – und Gott mutet sie uns zu und traut sie uns zu.

 Mit einem Wort von Bischof Franz habe ich begonnen, mit einem Wort des ehemaligen Bischofs von Limburg Franz Kamphaus möchte ich enden. Es passt genau in unsere so belasteten Tage:“Vieles, was wir noch vor wenigen Jahren wie selbst verständlich zu besitzen meinten, ist uns aus der Hand genommen oder zerrinnt wie Sand zwischen den Fingern. Die leeren Hände können wir Gott hinhalten als Ausdruck unserer Armut. Man könnte heute oft resignieren, man kann aber auch gläubiger werden – heute!“ Amen

Domkapitular Pfarrer Thomas Keßler

Die Predigt unseres Pfarrers Thomas Keßler zum Jahresschluss für unsere Pfarreiengemeinschaft. Sie steht unter dem Leitgedanken „Kirche im Übergang“

Liebe Schwestern und Brüder,

vor 200 Jahren wurde unser Bistum nach der Säkularisation neu errichtet und erhielt im Jahr 1821 nach fast 20 Jahren Unterbrechung wieder einen Bischof. Die Aufhebung der Klöster und die Verstaatlichung des Kirchenbesitzes haben wir mit der Auflösung der Abtei Maria Bildhausen und ihrem teilweisen Abbruch in unserer Region direkt vor Augen. Die Zeit der Kirche, die vom Adel geprägt war und einen Teil des heiligen römischen Reiches deutscher Nation bildete, war vorüber.

In seiner Predigt zum Jubiläum der Neugründung am vergangenen Christkönigssonntag sagte unser Bischof, ich zitiere: “Der Untergang einer bestimmten Sozialgestalt von Kirche war nicht gleichbedeutend mit dem Untergang der Kirche selbst. Auch wir beobachten heute, dass das Gemeindeleben der vergangenen Jahrzehnte vielfach nicht mehr von allen Christen mitgetragen wird. Das Ende der Volkskirche muss aber nicht das Ende von Kirche überhaupt bedeuten, sondern es markiert einen Übergang in eine neue Form des Kirche-Seins, die zu entwickeln uns heute aufgegeben ist.“ Zitat Ende.

Wir erleben es selbst in unseren Gemeinden. Die Weitergabe des Glaubens in den Familien wird nicht einfacher. Die Zahl der Gottesdienstmitfeiernden wird überschaubarer. Die Schere zwischen der Zahl der Taufen und der Sterbefälle und Kirchenaustritte geht immer mehr auseinander. Es ist fast schon ermüdend, das immer wieder zu wiederholen, denn dahinter könnte man auch vermuten: Machen wir etwas falsch, liegt es allein an uns, dass es so ist, wie es ist? Es wäre für alle, die sich in unseren Gemeinden engagieren, fatal, wenn der Eindruck entstünde, sie genügten den Herausforderungen nicht. Das löst nur Frust und Resignation aus.

Wir sind heute eine „Kirche im Übergang“ und wissen noch nicht, wie einmal unsere Gemeinden und das Christsein überhaupt, aussehen werden. Wichtig ist für mich auch, dass es uns bei unserem Bemühen nicht allein um die Kirche und unsere Gemeinden geht. Die Kirche – und damit wir alle als getaufte und gefirmte Christinnen und Christen – stehen im Dienst Gottes. Durch uns, durch Sie und mich, will er seiner Frohen Botschaft Raum geben. Das geschieht bei uns auf vielfältige Weise: durch Ihr persönliches Gebet, Ihre Teilnahme an der Gottesdienstgemeinschaft und Ihr vielfältiges Engagement.

So möchte ich mich in unser aller Namen von ganzem Herzen bedanken bei allen Mitgliedern unserer Gremien, den Pfarrgemeinderäten und Kirchenverwaltungen, bei allen, die sich im sozialen Bereich oder in der Feier der Gottesdienste für eine lebendige Gemeinde und ein lebendiges Christsein einsetzen.

Die Kirchensteuer ermöglicht uns in Deutschland ein kirchliches Leben auf hohem Niveau. Trotzdem geht es nicht ohne die Spendenbereitschaft der Gläubigen. Es ist ähnlich wie beim Staat, wir zahlen unsere Steuern - und trotzdem braucht es die Spendenbereitschaft der Bevölkerung, ob für die Aktion „Sternstunden“ oder die Spenden für die Opfer der Flutkatastrophe. So ist es auch mit unseren Gemeinden vor Ort.

Ein herzliches Vergelt´s-Gott sei allen gesagt, die bereit sind, ihre Kirchengemeinde über die Kirchensteuer hinaus noch zusätzlich durch ihre Spenden zu unterstützen. Ohne dieses Zusammenstehen, auch in finanziellen Fragen, ginge Vieles nicht bis dahin, dass die Kirchenstiftungen schlicht und ergreifend eigene Rücklagen bilden können, um handlungsfähig zu sein. Das Christsein geht auch durch den Geldbeutel, soweit das eben dem Einzelnen möglich ist.

In der Lesung haben wir gerade gehört, wie das Volk Israel nach der langen Wüstenwanderung am Ufer des Jordan steht und sich bereit macht, ihn zu überschreiten. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Übergang - in ein unbekanntes Land. Aber Josua weiß, dass Gott diesen Weg mitgeht. Die Bundeslade mit den Gesetzestafeln des Mose sind dafür das sichtbare Zeichen.

Nicht ganz so dramatisch, aber doch an einem Übergang, stehen wir in unserer Diözese. Am 30. Januar wird bei uns in Herschfeld in einem festlichen Gottesdienst der „Pastorale Raum Bad Neustadt“ errichtet, der fünf Pfarreiengemeinschaften umfasst. Wir werden lernen, wie die Seelsorge von allen hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern gemeinsam mit den engagierten Christinnen und Christen in den Gemeinden gestaltet werden kann. Im nächsten Jahr wird es im Blick auf die Neustrukturierung der Diözese neue Gremien geben, die Verantwortung für das kirchliche Leben tragen werden.

Pfarreiteams, die bestätigt, aber nicht aufwändig gewählt werden müssen, sorgen sich um das Leben der örtlichen Gemeinde. In der Pfarreiengemeinschaft wird ein gemeinsamer Pfarrgemeinderat – eigentlich ein „Pfarreiengemeinschaftsrat“ - aus Mitgliedern der dazugehörenden Pfarrgemeinden gewählt. Die Mitglieder dieses Rates bedenken mit den hauptamtlich Tätigen, wie die Seelsorge, die alle Gemeinden im Blick hat, gestaltet werden kann. Es wäre schön, wenn sich jede und jeder Einzelne auch im nun größeren Verbund aufgehoben fühlte.

Das Volk Israel stand nicht mit Begeisterung am Ufer des Jordan. Auch hier waren die Fragen groß: Was erwartet uns? Wird es gut gehen? Im Vertrauen auf Gott gingen sie schließlich über den Jordan. Mit diesem Begriff verbinden wir oft, dass etwas gründlich schief geht oder sogar tödlich ist. „Über den Jordan gehen“ heißt aber ursprünglich: im Vertrauen auf Gott etwas wagen, sich auf Neues einlassen. So ist diese Lesung eine Hoffnungsgeschichte, weil nämlich Gott mitgeht.

Heute tragen wir nicht mehr die Gesetzestafeln des Mose, sondern wir haben die Heilige Schrift bei uns. Die Bücher der Bibel erzählen uns von der Treue Gottes zu uns Menschen. Schließlich ist dieses Wort Mensch geworden in Jesus Christus. Er geht auch heute unsere Wege mit. In diesem Vertrauen dürfen wir das neue Jahr angehen, in unserem persönlichen Leben und im Leben unserer Gemeinden in dieser Zeit des Übergangs. Ich wünsche Ihnen allen für das kommende Jahr Gottes Segen und viel Zuversicht. Amen.

Ihr Pfarrer Thomas Keßler

 

Predigt 10. So im Jahreskreis B (Vorabendmesse)

Evangelium: Mk, 3, 20+21,31-35

Liebe Schwestern und Brüder,

vom heiligen Martin, dem Namenspatron unserer Pfarreiengemeinschaft, wird erzählt, er habe in der Nacht vor der Begegnung mit dem Bettler eine Erscheinung gehabt. Ihm sei ein majestätischer König erschienen. Martin fragt ihn: „Wer bist du?“ Darauf die Gestalt: „Ich bin dein Heiland Jesus Christus.“ Martin erwidert: „Wo hast du denn deine Wunden?“ Er bekommt zur Antwort: „Ich komme jetzt nicht vom Kreuz, sondern vom Himmel her in meiner Herrlichkeit.“ Darauf Martin: „Du magst mir der Rechte sein, geh mir aus den Augen! Du bist der Teufel! Den Heiland, der ohne Wunden ist, den mag ich nicht sehen. Den erkenne ich nicht, der das Zeichen seines Leidens nicht hat!“

Gestern sprach Kardinal Reinhard Marx davon, dass die Kirche an einem toten Punkt angekommen sei. Damit ist auch die Frage verbunden, ob wir es uns eingestehen können, dass es in der Kirche finster aussieht und wir im Dunkeln tappen und nicht recht weiter wissen. Ich will über unsere Situation kein frommes Mäntelchen legen. Dahinter verbirgt sich meiner Meinung nach eine ganz große Glaubensfrage.

In unseren gottesdienstlichen Texten reden wir von Gott oft als dem Starken, dem Allmächtigen, dem Einflussreichen. So ist auch oft unsere Gottesvorstellung geprägt. Und damit verbunden, so dachten viele im Lauf der Geschichte, muss auch die Kirche gewissermaßen als Gottes Platzhalter in dieser Gesellschaft mächtig und einflussreich sein. Doch plötzlich spüren wir: Das funktioniert alles nicht mehr! Die fürchterliche Tatsache des Missbrauchs, die Schwierigkeit, sich daran zu gewöhnen, dass Macht kontrolliert werden muss, die Bedeutung der Frau in der Kirche bis hinein in die Ämter, der Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten, die Segnungen für homosexuelle Paare, diese Themen, an denen schon so lange diskutiert wird, fliegen uns momentan um die Ohren.

Dazu kommt noch eine weitere Situation, die ich für genauso problematisch halte: Zwischen geweihten Christen und Christinnen und Christen, die ihre Berufung aus Taufe und Firmung leben, also Sie, und das ist der größte Teil des Gottesvolkes wie es Papst Franziskus deutlich ausspricht, scheint immer noch ein Graben zu sein, der das Volk Gottes untereinander trennt. Die da oben und die da unten.

Wir leben hier mit dem Blick auf den Kreuzberg. Das Kloster gibt es nicht wegen der Brauerei, sondern wegen das Kreuzes. Wir wissen, dass das Wort vom Kreuz Gottes Kraft offenbart. Aber wenn wir dann auf einmal erfahren, dass es ernst damit wird, dass unser System nicht mehr funktioniert, dass es Schuld gibt, dass in der Kirche gewohntes Leben zu Ende geht und die Gemeinden kleiner werden, das Geld knapper wird und Tagungshäuser geschlossen werden müssen, dann verstehen wir die Welt nicht mehr geschweige denn Gott. Da gibt es das große Hadern und Jesus wird mit seiner Botschaft von den Kleinen und Geringen zum Ärgernis.

Kardinal Reinhard Marx hat es gestern nicht beim toten Punkt belassen. In seinem Brief an den Papst hat er geschrieben, dass nach dem toten Punkt die Auferstehung kommt.

Das heutige Evangelium zeigt uns, dass wir als Christinnen und Christen -als Kirche insgesamt- die Erneuerung im Glauben brauchen! Jesus sagt: “ Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Mutter, Schwester und Bruder.“ Gott ist aus Liebe zu uns schwach geworden. Das muss auch Folgen für uns haben. Gott offenbart sich - nicht durch ständige Machterweiterung, sondern durch Machtverzicht. Welche Folgen hat das für uns als Kirche?

Gibt es in unserer gegenwärtigen Form von Kirche-sein schon die Möglichkeiten zu einer evangeliumsgemäßen Machtteilung und zu einem entsprechenden Autoritäts- und Leitungsstil? Es braucht die Macht, um etwas zu bewegen – wer Machtund Verantwortung hat, braucht sich dafür nicht zu entschuldigen - aber es braucht auch die Transparenz, die die Macht beim Namen nennt und nicht fromm als „Vollmacht“ kaschiert.

Papst Franziskus hat von der Kirche als einem Feldlazarett gesprochen, in dem die Menschen Heilung finden sollen. Das ist ja das Schreckliche am Missbrauch in der Kirche: Menschen haben an einem Ort, wo sie Heilung erfahren sollen, Unheil erfahren, das oft ihr Leben zerstört hat. Es muss nun alles zur Seite geräumt werden, das dieses Bild weiterhin verdunkelt. Das geht bis in den Umgang miteinander in unseren Gemeinden. Wie reden wir miteinander und übereinander?

Morgen empfängt in Brendlorenzen ein Kind die Taufe und seine Schwester geht das erste Mal zur Heiligen Kommunion. Beide werden in diesen Sakramenten in die Gemeinschaft mit Jesus und die Gemeinschaft der Kirche hineingenommen. Diese Gemeinschaft ist momentan zutiefst erschüttert und verunsichert. Trotzdem gratuliere ich diesen beiden Kindern und ihren Eltern, Paten und den Angehörigen von ganzem Herzen zu diesem Schritt. Denn bei allem, was momentan in der Diskussion steht, bei allem, was momentan an Unbeweglichkeit und menschlicher Begrenztheit, die wir alle haben, nervt, ist die Kirche nicht nur ein Krisen- und Skandalverein. Wir sind miteinander vor allem eine Hoffnungsgemeinschaft, weil wir vor allem eine Weggemeinschaft mit Christus sind. Wir sind für Christus Mutter, Schwestern und Brüder, wie es im Evangelium heißt, wenn wir seine Frohe Botschaft für unser Leben entdecken und unser Leben mit unseren Möglichkeiten, auch mit unseren Grenzen, danach ausrichten.

Ein Wort des Dichters Eugen Roth gibt zu denken: „Ein Mensch nimmt guten Glaubens an, er hab´ das Äußerste getan. Doch leider Gott´s vergisst er nun, auch noch das Innerste zu tun.“ Im Innersten dem Evangelium Platz zu geben gibt uns Tiefgang und Hoffnung. Das wünsche ich auch unserem Täufling und unserem Kommunionkind für ihr weiteres Leben und uns allen auch. Amen.

Pfarrer Thomas Keßler

 

 

Fronleichnam 2021, Lesejahr B Predigt Ev.: Mk 14,12-16,22-26

Liebe Schwestern und Brüder!

Bei den Göttern im religiösen Umfeld zur Zeit Jesu gehörte es gewissermaßen zum guten Ton Theater zu spielen. Sie machten sich und auch den Menschen etwas vor. Corona bedingt haben wir die olympischen Spiele in Japan gar nicht so richtig auf dem Schirm. Oft genug sind diese Spiele mit gewaltigem Theaterdonner verbunden-auch politisch. Ihren Ursprung haben sie in Griechenland. Der Berg Olymp war gewissermaßen die Götterzentrale. In der ersten Götterriege spielte der Göttervater Zeus. Er war so etwas wie eine männliche Sexbombe im Götterhimmel und in dieser Richtung äußerst aktiv. Wenn er seiner eifersüchtigen Göttergattin Hera entgehen wollte, schlüpfte er schnell mal in Menschengestalt. Aber nach dem irdischen Liebesabenteuer hörte das Schauspiel schnell wieder auf. Das für ihn billige Kostüm Mensch gibt Zeus sozusagen an der Garderobe des Olymp wieder ab.

Mit dem Gott Israels ist es anders. Er macht uns nichts vor. Er schickt keinen als Menschen verkleideten Gott oder Halbgott in die Welt, aus der sich nach seiner Laune wieder zurückziehen kann. Unser Gott spielt kein Theater. Er sendet seinen Sohn. Ganz Gott und ganz Mensch.

 Es gibt eine Übersetzung des Namens Betlehem, die sicher nicht die einzig mögliche ist, die uns aber helfen kann, zu verstehen, was Gott uns schenken will: Bet-Lächäm- Haus des Brotes. Zum Kommen Jesu in diese Welt gehört es, dass er sich verzehren lässt von seinem Auftrag und von den Menschen, für die er selbst Mensch geworden ist.

Bei den Römern gab es panem et circenses – Brot und Spiele. Wer das Brot hat, hat die Macht. Er konnte das Volk, besonders die Bevölkerung der Riesenstadt Rom versorgen und damit für sich gewinnen. Und wenn er noch die grausame Belustigung von blutigen Gladiatorenkämpfen dazugab, konnte er das Volk bei Laune halten.

Jesus handelt anders. Er serviert kein Spektakel. Er gibt sich selbst. Er tut es im Stillen. Im Kreis der Freunde. Mit den Zeichen, die seinem Volk heilig sind, weil sie das Leben und die Freude ausdrücken: Brot und Wein.

In diesen Gaben wird am Abend vor seinem Tod sein ganzes Leben gebündelt. Sein Leben, seine Worte und Taten, sein Kreuz und seine Auferstehung. Das ist die Revolution der Liebe auf dem schlichten Abendmahlstisch. Das ist kein schönes Theater, nicht Brot und Spiele. Es ist die einfache Geste der Hingabe, die er wenige Stunden später am Kreuz einlösen wird.

Gott selbst bietet sich uns an, denn Christus legt sich im Brot in die Hände von uns Menschen: „Nehmt und esst und tut es zu meinem Gedächtnis“. Es geht darum, selbst zum Bet-Lächäm zu werden, zum Haus des Brotes. Es geht um uns.

Fronleichnam ist keine folkloristisch verbrämte Demonstration unseres Katholischseins. In diesem Jahr sowieso nicht. Wir bleiben in der Kirche und feiern es ganz schlicht. Trotzdem ist Fronleichnam unser Bekenntnis zu dem Christus, dem Sohn Gottes, der es ernst meint mit dieser Welt. So ernst, dass er sich selbst in sie hinein begibt. So ernst, dass er sich nicht einfach zurückzieht, sondern in dem Brot, das in unserer Gesellschaft auch belächelt und immer weniger als Brot des Lebens wahrgenommen wird – viele interessieren sich nicht mehr dafür - jeder Zeit verfügbar macht, verletzlich macht, sich ausliefert.

Gott spielt kein Theater. Gott zieht sich nicht aus dieser Welt zurück, sondern bleibt bei uns. Er tut es im Zeichen des Brotes, das das bescheidenste Zeichen der Hingabe ist, das es gibt. Wenn wir am Ende des Gottesdienstes Christus in der Monstranz im Brot des Lebens verehren, bekennen wir uns dazu, dass die Welt nicht durch Macht und Gewalt gerettet wird, sondern durch die Liebe. Dieses Zeigegefäß, die Monstranz erinnert uns daran, dass wir selbst letztlich Monstranz sein sollen, auf Gott hin durchsichtig sein sollen. Wir dürfen nämlich Menschen sein, an denen ablesbar ist, dass alles von Gott kommt und nur in Christus wirklich unsere Hoffnung ist. Wir dürfen Christus auch mit unseren Fehlern und Schwächen durch unser Leben erfahrbar machen , weil er sich selbst in unsere Hände gegeben hat. Amen

Pfarrer Thomas Keßler

 

Liebe Schwestern und Brüder!

So war es also, damals in Jerusalem: „Ein Brausen kam vom Himmel und erfüllte das Haus, in dem die Jünger saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und der Heilige Geist kam zu einem jeden von ihnen und sie wurden alle von ihm erfüllt und fingen an in anderen Sprachen zu predigen wie der Geist es ihnen eingab.“

 Das also ist Pfingsten: das Fest gelingender Kommunikation. Vorher war Verständnislosigkeit, die fremde Sprache, die fremde Kultur, eine unüberwindliche Mauer, die alles Verstehen abblockt. Kein Dolmetscher, kein Wörterbuch, keine Übersetzungs-App – keine Möglichkeit, sich verständlich zu machen. Pfingsten dagegen zeigt: es kann gelingen.

Und wie? Weil Gottes Geist sich nicht lange bitten lässt, sondern auch zu uns kommt: im Mut, auf einen Menschen zuzugehen, der so fremd und anders zu sein scheint. In der SMS, in der ich den anderen bitte, doch noch einmal mit mir zu reden.

Wir feiern Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes, der Begeisterung, der Freude und ein Fest des Sich-Verstehens. Neben Weihnachten und Ostern ist es das dritte Hochfest im Jahr. Wir merken es daran, dass auch Pfingsten einen zweiten Feiertag hat. Und zwei Wochen Ferien gibt es auch noch dazu.

Trotzdem kommt Pfingsten nicht Weihnachten und Ostern hinterher. Bei diesen beiden Festen gibt es Geschenke zum Auspacken und schöne Dinge zum Anfassen und Ansehen: Zweige, Sterne, Kerzen und Osterglocken, Osterlämmer und farbige Ostereier. Irgendwie sind die biblischen Geschichten an Weihnachten und Ostern auch anschaulicher. Die Geburt eines kleinen Kindes, noch dazu in ganz ärmlichen Verhältnissen, berührt unser Herz. Der Sieg des Lebens über den Tod spricht unsere Sehnsucht an. Aber das mit dem Heiligen Geist? Was soll man sich unter dem Heiligen Geist vorstellen? Eigentlich schade, denn Pfingsten ist ein Fest der Begeisterung, der Freude und des Sich-Verstehens.

Wir lesen in der Apostelgeschichte: Noch sitzen die Jünger und Jüngerinnen niedergeschlagen beieinander im Haus. Wie soll es weitergehen? Irgendwie hat sich alles geändert. Jesus ist nun nach der Himmelfahrt endgültig nicht mehr da. Und dann geschieht es: Ein großer Wind und Feuerflammen erfüllen das ganze Haus.  Alles kommt in Bewegung. Die Wände scheinen wie weggeblasen. Es gibt keine Abgrenzung mehr von den andern. Plötzlich sind die Jünger und Jüngerinnen mittendrin in der Menge. Erfüllt vom Heiligen Geist predigen sie – im wahrsten Sinn be-geistert – in vielen verschiedenen Sprachen. Eine wunderbare Geschichte der Entgrenzung und des Sich-Verstehens ist das.

In der Bibel gibt es dazu auch eine Gegengeschichte. Es ist der uralte Mythos vom Turmbau zu Babel. Immer höher und höher wollte die Menschheit hinaus. Ein großes, globalisiertes Projekt sollte dieser Turmbau werden. Sie  wollten sein wie Gott. Aber sie bekamen einen Denkzettel. Gott verwirrte ihre Sprachen. Sie konnten sich nicht mehr verstehen und so scheiterte ihr Ansinnen. Diese alte Geschichte ist keine Erzählung von früher, sondern die andauernde Geschichte der Menschen.

Haben wir es nicht übertrieben mit unserem immer höher, immer weiter, immer mehr? Wachstum um jeden Preis? Und dann kommt so ein kleiner Virus und zwingt zum Lockdown.

Der Größenwahn in Babylon führte dazu, dass Gott die Sprache verwirrte. Die Menschen konnten sich nicht mehr verstehen. Und heutzutage? Gelingt es uns auf der Welt und in unserem Land einander zu verstehen? Oder ist es nicht sogar so, dass der Wille und der Versuch, einander zu verstehen, zurückgegangen ist? Immer mehr Menschen basteln sich ihre Wahrheit so zusammen, wie es ihnen gefällt. Faktenchecks, nein, danke! Manche verfallen gar kruden Verschwörungsideen. Und diejenigen, die das Gespräch auch mit Gegnern und Andersdenkenden suchen, werden diffamiert.

Ein Merkmal des Heiligen Geistes ist das Sich-Verstehen. Das braucht es immer wieder aufs Neue, dass wir einander verstehen. Für mich heißt das, Freude am anderen haben, gerade am Fremden; neugierig sein, was den anderen bewegt und wie er oder sie denkt; Zuhören können, was andere einem sagen und erzählen; begeistert sein von den Begegnungen, die man hat – oder wie man heutzutage sagt: empathisch und mitfühlend und mitdenkend sein.

In dieser wunderbaren Pfingstgeschichte klingt das so einfach: Feuer, Sturm und dann begeistert raus in die Menge. Die Sprache des anderen zu sprechen, also „dem Volk aufs Maul schauen“, ist im Allgemeinen aber nicht so leicht. Den andern wirklich zu verstehen und sich verständlich zu machen, kann ganz schön Mühe kosten. Da braucht es einen Geist der Geduld und des langen Atems. Das geht nicht mit Twitterbotschaften und lauten Parolen.

Das wünsche ich uns zu Pfingsten, dass wir Christen den Geist des Sich-Verstehens in die Welt tragen. Wenn nicht wir, wer dann gibt sich die Mühe, immer wieder auf den anderen zuzugehen, Verständigung zu suchen und gerade auch dem Gegner die Hand zur Versöhnung zu reichen. Das heißt ja nicht, alles gut zu heißen. Oft muss man auch widersprechen, wo es nötig ist. Aber es heißt, im andern immer den zu sehen, dem die Liebe Gottes genauso gilt wie mir.

Das wünsche ich uns zu Pfingsten, dass Gott uns mit diesem Geist begeistert, der die Sprech- und Denkbarrieren überwindet.

Ihnen ein frohes und gesegnetes Pfingstfest! Amen.

Pfarrer Thomas Keßler zum Evangelium Joh 13,1-15

 Liebe Mitchristen!

In jedem Haus gibt es wohl eine Zeit, in der es zieht, weil die Fenster offen stehen, die Räume eine gewisse Ungemütlichkeit ausstrahlen, weil die Vorhänge fehlen, die Männer ständig ermahnt werden, weil sie entweder im Weg stehen oder zu wenig helfen. Ich meine die „gesegnete“ Zeit des Osterputzes. Vor Ostern soll noch einmal im Haus klar Schiff gemacht werden. Wie weit da Perfektion und das Arbeiten bis in den letzten Winkel hinein unbedingt notwendig sind, das ist wohl Anlass zu mancher Diskussion. Auch mir wurde in den letzten Tagen berichtet, welche Ecke der Wohnung geputzt wurde – ob ich es hören wollte oder nicht. Dabei  musste ich aufpassen, dass ich nicht auch noch über einen Putzeimer oder Staubsauger stolperte.

Wenn wir das heutige Evangelium hören, dann ist hier auch vom sauber machen die Rede. Jesus rückt eine Waschschüssel in die Mitte des Geschehens. Er wäscht den Jüngern die Füße. Schauen wir uns diese Szene einmal näher an.

„Darf ich Ihnen Wasser für die Füße anbieten?“  So oder ähnlich hat es wohl geklungen, wenn man im Orient zur Zeit Jesu ein Haus betrat. So wie es bei uns üblich ist, dem Gast ein Getränk anzubieten, war es damals Brauch, Wasser für die Füße bereitzustellen. Vom vielen Staub und den offenen oder fehlenden Sandalen wurden die Füße schnell schmutzig. Die Fußwaschung im Orient hat eine lange Tradition. Vor allem war sie ein Symbol der Gastfreundschaft. Dabei konnte man sich die Füße selbst waschen oder von einem Diener waschen lassen. Im familiären und sozialen Kontext war die Fußwaschung auch ein Zeichen der Ergebenheit. So wuschen Frauen ihren Männern, Kinder ihren Vätern und Schüler ihren Lehrern die Füße. Es wurden fleißig Füße gewaschen im Orient. Und nun: Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße! Was für eine Ehre! Und was für eine Verdrehung der Norm!  

In dieser Fußwaschung drückt Jesus die Gemeinschaft mit seinen Jüngern aus. Das bedeutet für die Jünger Jesu und für uns heute zu akzeptieren, dass Gott uns dient. Es ist letztlich Gottes Dienst an uns. Mit diesem  Dienst will Jesus das Leben der Jünger und damit auch unser Leben bereichern. Diese Waschaktion Jesu kennt keine Grenzen, selbst dem Judas werden die Füße gewaschen. Auch ihm bietet Jesus kurz vor dem Verrat seine Gemeinschaft an.

Jesus wäscht nicht irgendwo und irgendetwas, er wäscht den Jüngern die Füße. Wenn wir auf die Geschichte Jesu mit seinen Jüngern schauen, dann könnten wir eher sagen: „Eigentlich hätte er ihnen einmal den Kopf waschen müssen, weil sie oft so wenig von ihm verstanden haben.“ Doch Jesus hält ihnen keine Moralpredigt, er erweist ihnen vielmehr einen Sklavendienst. Er wäscht ihnen nicht den ganzen Körper, wie Petrus es sich wünschen würde, es genügen die Füße. Jesus nimmt keinen perfekten Osterputz an den Jüngern vor, es geht ihm vielmehr um ein Zeichen, wenn er sagt: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr handelt, wie ich an euch gehandelt habe!“ Doch welche Bedeutung hat dieses Beispiel für uns heute?

Dieses Handeln Jesu an seinen Jüngern will uns zeigen, wie dieser Gott an uns Menschen handelt. Er will jedem Einzelnen von uns dienen. Bei jedem Gottesdienst, den wir feiern, will er uns stärken und auch reinigen mit seiner Nähe und seinem Wort. Er will uns reinigen von unserer Schuld und unserer Selbstbezogenheit. Die Fußwaschung sagt uns, dass Gott uns immer wieder aufrichten will und uns nicht den Kopf wäscht, auch wenn manches in unserem Leben nicht in Ordnung ist. Die Fußwaschung wendet unseren Blick aber auch nach unten, dort wo die Wurzeln unseres Lebens sind, als wollte Jesus uns sagen: „Mach auch dort einen Osterputz, wo etwas in deinem Herzen nicht in Ordnung ist. Wisch den Staub des Verdrängens weg. Lass mich auch hier sauber machen!“ Und das ist vielleicht wichtiger als ein blitzblankes Wohnhaus.

Das Beispiel der Fußwaschung lädt uns selbst ein, in Gottes Fußstapfen zu treten, nämlich Gottesdienst zu feiern und den Gottesdienst auch selbst zu leben.  Die Fußwaschung kann für uns heute vieles sein: z.B. wenn ich mich um ein gutes Miteinander in der Familie, im Verein, in der Pfarrgemeinde bemühe, wenn sich ein Vorgesetzter um seine Mitarbeiter wirklich als Mitmensch annimmt, wenn ich zumindest versuche mit anderen gut auszukommen. Gerade in dieser Zeit der Coronapandemie kann die Umsicht und Rücksicht, das einander Beistehen Fußwaschung  heute bedeuten.

In diesem Jahr kann diese Fußwaschung hier in unserer Kirche nicht symbolisch in Szene gesetzt werden. Diese Lücke in unserer gottesdienstlichen Tradition ist auch Zeichen der Rücksichtnahme aufeinander in dieser Pandemie. Wir dürfen uns nicht gegenseitig der Gefahr der Ansteckung durch das Corona-Virus aussetzen. Wir dürfen uns aber anstecken lassen von der Liebe Gottes, die Jesus uns in der Fußwaschung seiner Jünger vor Augen führt. Gott dient uns Menschen, er will unser Leben erfrischen und zeigt uns damit, wie gern er uns hat. Er lädt uns ein zu einem innerlichen Osterputz. Das kann für uns als Christinnen und Christen bedeuten, dass wir uns in dieser schwierigen Zeit  nicht  der Resignation, der Wut und den Vorwürfen hingeben, sondern selbst Menschen mit Hoffnung sind. Wir feiern gerade deshalb so oft die Eucharistie, d.h. die Danksagung, damit wir uns stärken lassen und wir damit in einer Gesellschaft, die oft von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit geprägt ist, bekennen: Gott ist da und er meint es gut mit uns. Amen.

Nach mehr als 6 Jahren in unserer Pfarreiengemeinschaft verlässt uns Pater Lawrence und kehrt in seine Heimat nach Indien zurück. Am 21.3. wurde er im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes in der Kirche Herschfeld verabschiedet. Wir danken ihm für all die herzlichen Begegnungen und bedauern seinen Weggang sehr. Hier die Predigt, die Pfarrer Thomas Keßler zu diesem Anlass gehalten hat:

5. Fastensonntag B / Abschiedsgottesdienst für P. Lawrence, Herschfeld, 21.3.2021

Lieber Lawrence, liebe Schwestern und Brüder!

Die Entscheidung Deiner Ordensprovinz der Karmeliten in Indien, Dich in Dein Heimatkloster zurück zu berufen hat uns hier in der Pfarreiengemeinschaft, aber auch im Ordinariat, heftig die Stirne runzeln lassen. Wir hätten Dich gerne noch eine Zeit lang bei uns behalten. Die Abschiedsgottesdienste in den einzelnen Gemeinden unserer Pfarreiengemeinschaft und dieser gemeinsame Gottesdienst zeigen Dir, dass wir Dich gerne bei uns gehabt haben und Dir dankbar für Dein Wirken in der Seelsorge sind. Dein Heimgehen nach Indien in Deine Ordensgemeinschaft hat auch Fragen bei uns aufgeworfen. Zunächst kam der Gedanke bei vielen: Wie wird das mit den Gottesdiensten? Gibt es viele Kürzungen? Rückt die amtliche Seelsorge weiter weg, wenn nur ein Priester und ein Diakon verbleiben? Du wirst vielen Gemeindemitgliedern durch Deine freundliche, zugewandte Art fehlen.

Was Du, und was wir alle erleben, hat aber zutiefst mit unserem Glauben zu tun. Wir nennen Abraham den Urvater des Glaubens. Am Anfang traf ihn der Ruf Gottes: „Brich auf“- und durch seine Lebensgeschichte und die ganze heilige Schrift zieht sich wie ein roter Faden die Herausforderung Gottes an Abraham: „Brich auf, vertrau mir, Du sollst ein Segen sein!“ Selbst im so klassischen Begriff der Pfarrei steckt der Ruf zum Aufbruch drin. Wenn wir diesen Begriff „Pfarrei“ sprachlich zurückverfolgen, heißt das: „die neben dem Haus wohnen“, die also bereit sind aufzubrechen und Neues zu wagen auf Gott hin. Heute jedoch verbindet sich oft mit Pfarrei ein Denken von Bewahren und Bestandsicherung des Gewohnten.

Die Frage, wie es nun weitergeht, wenn Du aufbrichst, darf uns aber den Blick nicht dafür verstellen, was Du bist: nämlich ein Ordensmann. Und Ordenschristen dürfen wir nicht in erster Linie als Lückenfüller für die personellen Löcher in unserem Bistum und in der ganzen deutschen Kirche verstehen. Wir dürfen dankbar sein für die Solidarität der katholischen Kirche in Indien und Afrika, die uns jetzt hilft. Sie zeigt uns damit, dass wir als katholische Christen miteinander weltweit verwoben sind und Mission schon längst keine Einbahnstraße mehr von uns in die übrige Welt ist. Im gesamten pastoralen Raum Bad Neustadt sind wir einschließlich des Klinikums nur noch vier Würzburger Diözesanpriester im aktiven Dienst von Wargolshausen bis Burglauer. Das verpflichtet uns aber auch, gegenüber der Weltkirche und ihrer Zentrale deutlich zu machen, dass mit dem Rückgang an Priestern bei uns auch die Sakramente als ein Wesensmerkmal der Kirche weniger gefeiert werden können und sich viele Priester ausgebrannt fühlen. Auf Dauer geht das an unsere katholische Substanz. Da gehören dann aber auch die Zulassungsbedingungen zum priesterlichen Dienst in die offene Diskussion - und das nicht nur in Leserbriefen, sondern auch in der Kirchenleitung.

Lieber Lawrence, Du gehörst zum Orden der Karmeliten, der die Nachfolge Jesu in Gemeinschaft leben will. Mit Eurer Spiritualität seid Ihr aber auch wichtig für uns in den Gemeinden. Durch Euer Dasein in den Klöstern von Rödelmaier und Himmelspforten oder im Kloster in der Würzburger Innenstadt gebt ihr ein stilles Zeugnis von Gott, der mitten unter uns ist.

 Eine der prägenden biblischen Gestalten für Euren Orden ist der Prophet Elija. Er musste lernen, dass Gott kein lärmender, kriegerischer Gott oder eine Naturgottheit ist, sondern in der Stille die Herzen der Menschen mit seiner Barmherzigkeit berührt. „Gott lebt, ich stehe vor seinem Angesicht“, heißt der Leitspruch des Karmelitenordens und greift damit ein Wort des biblischen Elija auf. Dieses Wort hat Aktualität über Deinen Orden hinaus. Bei allem Ringen in der Kirche über ihre zukünftige Gestalt, bei allen Überlegungen, wie christliches Leben heute gestaltet werden kann, dürfen wir das nicht vergessen: „Gott lebt, ich stehe vor seinem Angesicht“. Und dieser Gott schaut uns an in Jesus von Nazareth. Teresa von Avila, neben Johannes vom Kreuz Gründerin Deines Ordens, schreibt, dass ihr Beten davon getragen ist, „den anzuschauen, der mich anschaut“. Die Karmeliten fassen das prägnant in den Worten zusammen: „Schau, er schaut dich an!“.

Damit wird uns allen gesagt, was in unserem christlichen Sinn zu glauben bedeutet. Der Karmelitenpater Reinhard Körner drückt es so aus: „Glauben meint: mir innerlich bewusst machen, dass Gott da ist – verborgen natürlich – und ihn anschauen; nicht nur, um dann mit ihm zu reden, sondern zuallererst, um wahrzunehmen, dass er mich anschaut mit unsagbar liebevollem Blick“. Und Gott schaut auch jeden anderen Menschen an, auch den, der mir ganz und gar nicht sympathisch ist, ja selbst, mit Johannes vom Kreuz gesprochen, den größten Sünder der Welt. Wenn Gott uns alle in Liebe anschaut, dürfen wir dann den Menschen, die darum bitten, den Segen verweigern?

 Liebe Schwestern und Brüder, das macht letztlich unser christliches Verständnis zu glauben und unsere Art, Mensch zu sein, aus. Aber die heilige Teresa fragt auch uns an, wenn sie klagt: „Ach Herr, der ganze Schaden für uns kommt doch daher, dass wir unsere Augen nicht auf dich gerichtet halten“. Vielleicht ist das unser Problem, dass wir uns mehr innerkirchlich beschäftigen und dabei die Frage nach Gott und seine Anwesenheit vergessen.

 Lieber Lawrence, in Deinem seelsorglichen Wirken bei uns hast Du mitgeholfen, dass wir nicht vergessen, dass Gott uns anschaut und wir ihn anschauen dürfen im Leben seines Sohnes Jesus Christus. Der heutige Abschnitt aus dem Johannesevangelium gibt für Dich und für uns an den verschiedenen Orten, wo wir unser Christsein leben, Orientierung - ob Du bald wieder im Kloster oder wir als Christinnen und Christen in den Gemeinden: Unseren Weg mit Jesus zu gehen, sich dabei nicht selbst in den Mittelpunkt zu stellen, ja sogar seine eigenen Pläne hintan zu stellen und so Jesus nachzufolgen. Wir können es wagen, weil Gott uns voll Liebe anschaut.

Lieber Lawrence, in unser aller Namen wünsche ich Dir auf Deinem weiteren Weg mit Deiner Ordensgemeinschaft Gottes liebenden Blick und seinen Segen. Amen.

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